Vollzieht sich in Deutschland eine flächendeckende, tiefgreifende und dauerhafte Deindustrialisierung? Besonders infolge der Gaskrise des Jahres 2022 wurde diese Frage in Deutschland immer wieder heftig öffentlich diskutiert. Während manche Beobachter eine branchenübergreifende Abwanderung industrieller Wertschöpfung mit Werksschließungen, betriebsbedingten Kündigungen und einem schleichenden Niedergang des Wirtschaftsstandortes prognostizierten, beschwichtigten andere. Sie verwiesen unter anderem darauf, dass der Anstieg der Energiepreise lediglich einen kleinen Teil der Unternehmen treffe und der Standort weiterhin für viele Branchen außerhalb der energieintensiven Produktion attraktiv bleibe.
Im Auftrag der Bertelsmann Stiftung wurden verschiedene Gutachten erstellt, um die Entwicklung der Industrie im langfristigen Zeitverlauf genauer zu beleuchten. Die Studie Investitionstätigkeit der Industrie in Deutschland – Struktur und Ausblick analysiert besonders die Investitionstätigkeit der deutschen Industrieunternehmen anhand einer Vielzahl von Indikatoren. Erstmals können wir so ein umfassendes und differenziertes Bild der Investitionstätigkeit deutscher Industriebranchen zeichnen, das auch Ableitungen über die weitere Perspektive erlaubt. Damit möchten wir auch einen Beitrag leisten, die aufgeheizte Debatte rund um das Thema Deindustrialisierung in Deutschland ein Stück weit zu versachlichen.
Investitionsbereitschaft hat nachgelassen
Zunächst zeigt sich das erwartet negative Gesamtbild: Die Investitionsneigung der gesamten Industrie hat für die Jahre 2025 und 2026 merklich nachgelassen. Im Jahr 2025 planten die Unternehmen mehrheitlich eine Reduzierung ihrer Investitionen. Für 2026 deutet sich ebenfalls nur eine leichte Erholung von einem niedrigen Niveau aus an.
In der für Deutschland so wichtigen Autoindustrie lässt die Investitionsdynamik ebenfalls nach. Hier liegen die Investitionsplanungen der einzelnen Unternehmen deutlich unter dem zu erwartenden Niveau. Jedoch dürfte die Autobranche auch künftig für etwa ein Drittel des erwarteten Investitionsvolumens in der Industrie verantwortlich sein.
Der ebenfalls sehr relevante Maschinenbau bleibt gleichermaßen unter den Erwartungen. Er weist weniger Investitionsprojekte sowie ein geringeres Investitionsvolumen auf, als auf Basis derzeitiger Umsatzzahlen und der Investitionsneigung der Branche anzunehmen wäre.
Pharma, Elektronik und Optik als zukunftsträchtige Branchen
Im Gegensatz dazu investieren neue Hochtechnologie-Industriebranchen dynamisch und dürften künftig für den Wirtschaftsstandort an Bedeutung gewinnen: Bereits in den vergangenen Jahren (2015-2024) haben die Pharmaindustrie (+42 Prozent) und die Mikroelektronik-Branche (+89 Prozent) ihre Investitionen sehr stark gesteigert. Auch aus dem Ausland kamen überproportional viele Direktinvestitionen. Die Pharmabranche weist zudem deutlich positive Investitionserwartungen auf, steigert ihren Anteil am Investitionsvolumen aktueller
und geplanter Projekte am stärksten und übertrifft die Investitionserwartungen klar. Die Mikroelektronik könnte eine der wichtigsten Branchen für die Zukunft der deutschen Volkswirtschaft werden und dürfte künftig einen Anteil von einem Fünftel zum geplanten Gesamtinvestitionsvolumen beitragen.
In regionaler Hinsicht fällt vor allem das dynamische Investitionsgeschehen in Sachsen auf. Das Bundesland weist neben den traditionellen Industrieregionen Bayern und Baden-Württemberg einen Anteil im Investitionsvolumen auf, der deutlich über den Erwartungen liegt. Dies ist vor allem auf die stark investierende Mikroelektronik-Branche im sogenannten Silicon Saxony zurückzuführen.
Die Chemieindustrie fällt durch eine hohe Investitionsquote von 4,2 Prozent auf. Die Investitionen sind zwischen 2015 und 2024 mit 37 Prozent deutlich gestiegen.
Allerdings sind diese Lichtblicke bei den Investitionsentwicklungennoch nicht gewichtig genug: Der Aufstieg kleiner Branchen reicht nicht aus, um die Schwäche der traditionell gewichtigen Industriebranchen zu kompensieren.
Was die Politik tun sollte
Die deutsche Industrie investiert derzeit kaum breit und stark genug, um die globale Wettbewerbsposition langfristig behaupten zu können, das Wirtschaftswachstum wieder zu erhöhen und die Transformation erfolgreich zu meistern. Um die Investitonsbereitschaft wieder zu erhöhen, sollte die Politik mehrere Maßnahmen ergreifen.
Planungssicherheit schaffen: Investitionen setzen langfristig verlässliche politische Rahmenbedingungen voraus. Angesichts ohnehin großer globaler Unsicherheit sollte die Politik diese deshalb möglichst stabil halten. Dies gilt besonders für den Bereich der Energie- und Klimapolitik, etwa für das Verbot des Verbrennungsmotors oder der Einführung des zweiten Europäischen Emissionshandels. Ein wiederholtes Ändern und Abschwächen von Klimazielen und Instrumenten wie jüngst beim ETS-1 kann die Unsicherheit erhöhen, Investitionen hemmen oder Fehlinvestitionen provozieren. Klimaschutzverträge bleiben ein wichtiges Förderelement, um Unternehmen sowohl finanzielle Transformationsanreize zu geben als auch die nötige Planungssicherheit zu gewährleisten.
Infrastruktur modernisieren: Bei Energie-, Verkehrs- und Digitalinfrastruktur besteht nach wie vor erheblicher Modernisierungs- und Investitionsbedarf. Defizite in diesen Bereichen verschlechtern die Standortattraktivität und bremsen private Industrieinvestitionen. Durch das Sondervermögen Infrastruktur und Klimaschutz wird dieses Problem nun angegangen. Allerdings muss unbedingt darauf geachtet werden, die öffentliche Mittel auch in zusätzliche und produktivitätssteigernde Investitionen zu lenken.
Technologische Modernisierung vorantreiben: Außerdem gilt es, die Verbreitung und Nutzung von Spitzentechnologie in Deutschlands Mitteltechnologiebranchen zu fördern. Mit mehr High-Tech-Investitionen können neue Wachstumspotenziale entstehen.
Dazu können staatlich geförderte regionale Matching-Plattformen einen Beitrag leisten, bei denen Technologie-Anbieter und etablierte Unternehmen zueinander finden, um neue Technologien in eine breite Anwendung zu überführen.
Außerdem sollte die Ansiedlung von Halbleiterfertigung weiterhin unterstützt werden. Dies ist zur Steigerung der Resilienz von Lieferketten notwendig und kann gleichzeitig dabei helfen, die stark investierende Branche langfristig an den Standort zu binden.
EU-Binnenmarkt vertiefen: Da angesichts des amerikanischen und chinesischen Protektionismus die Nachfrage künftig eher aus Europa selbst kommen wird, braucht es einen stärker integrierten europäischen Binnenmarkt. Das gilt auch für den Kapitalmarkt, mit dessen Vollendung weiterhin ungenutztes Potenzial gehoben werden könnte.
Bürokratische Hürden reduzieren: Auch eine Vereinfachung bürokratischer Prozesse und schlankere Verfahren würden deutlich günstigere Investitionsbedingungen schaffen. Hier hat die Bundesregierung erste wichtige Schritte unternommen.
Automobilindustrie bei der Transformation unterstützen: Angesichts der großen Relevanz der Investitionen der Automobilindustrie sollte ein Scheitern der Branche an der Transformation zur Elektromobilität auch politisch verhindert werden.
Kaufanreize für Elektroautos können hier einen Beitrag leisten, um Planungssicherheit und Nachfrage für die angeschlagene Branche zu stärken. Angesichts der außenwirtschaftlichen Herausforderungen durch Handelsbeschränkungen und die chinesische Konkurrenz erscheinen europäische Lösungen etwa im Rahmen des Industrial Accelerator Acts sinnvoll, die sich auch stärker auf die heimische Produktion konzentriert.
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