Deutschlands technologische Wettbewerbsfähigkeit ist in den vergangenen zwei Jahrzehnten spürbar zurückgegangen. Ein Blick auf die Patentdynamik, also das Resultat aus Forschung und Entwicklung, zeigt: der deutsche Standort fällt zunehmend hinter internationalen Wettbewerbern zurück.
Zudem betrifft der Rückgang nicht allein die Innovationsleistung des Landes, sondern auch seine technologische Souveränität. Denn mittlerweile werden deutlich mehr in Deutschland entwickelte Patente von ausländischen Unternehmen kontrolliert als umgekehrt. Das kann gerade bei Schlüsseltechnologien Risiken bergen.
Das zeigt die neue Studie Industrieposition in der Zukunft: Patentdynamik in zentralen Technologiebereichen, die das Institut der deutschen Wirtschaft im Auftrag der Bertelsmann Stiftung erstellt hat.
Von 22 auf 15 Prozent: Anteil am globalen Patentgeschehen sinkt
Zwischen 2000 und 2022 sank der deutsche Anteil am weltweiten Patentgeschehen von knapp 22 auf 15 Prozent. Dieser Rückgang liegt nicht allein am Aufholen anderer Länder am Patentweltmarkt. Denn seit 2018 geht auch die absolute Zahl der am Forschungsstandort Deutschland hervorgebrachten Patente zurück.
Zudem verliert der Standort an Einfluss auf die Nutzung und Verwertung von Innovationen: Per Saldo werden deutlich mehr in Deutschland entwickelte Patente vom Ausland kontrolliert als umgekehrt.
Negative Entwicklung in fast allen Technologien
Die genaue Analyse der Patentstrukturen zeigt, dass diese Entwicklung nicht auf einzelne Technologiefelder beschränkt, sondern in nahezu allen 15 Technologien stattfindet. Besonders schwach sind die Weltmarktanteile bei Digitalisierungstechnologien und den Lebenswissenschaften.
So schneidet Deutschland in allen Bereichen der Digitalisierungstechnologie nur unterdurchschnittlich ab: Dies gilt für
- Halbleiter mit einem Weltmarktanteil von 16,6 Prozent
- Cybersecurity mit 11,3 Prozent
- Künstliche Intelligenz mit 11 Prozent
- Quantencomputing mit 5,8 Prozent
Ebenso unterdurchschnittlich sind die Anteile in den Lebenswissenschaften, wie der Pharmazeutischen Technologie und der Biotechnologie mit rund 8 bzw. 9 Prozent. Im Technologiebereich Nanotechnologie sank Deutschlands Weltmarktanteil seit 2008 von rund 10 Prozent auf zuletzt rund 7 Prozent.
Vergleichsweise besser steht Deutschland weiterhin in automobilnahen Technologien da, etwa beim elektrifizierten Antriebsstrang und bei autonomer Mobilität. Hier nimmt die Zahl der Patentanmeldungen zu. Dennoch geraten die deutschen Anteile auch hier unter Druck, weil Wettbewerber insbesondere bei Batterietechnik und autonomer Mobilität schneller zulegen.
Kontrollverlust über technologisches Wissen
Zum Rückgang der technologischen Wettbewerbsfähigkeit hinzu kommt ein Verlust an Kontrolle über dieses technologisches Wissen. Mittlerweile befinden sich knapp 30 Prozent der in Deutschland hervorgebrachten Patente im Besitz ausländischer Eigentümer (rund 189.000 Patente). Die meisten dieser Patente werden aus den USA kontrolliert, gefolgt von der Schweiz und Frankreich. Aus Deutschland werden hingegen gerade einmal 102.000 Patente kontrolliert, die an einem ausländischen Forschungsstandort hervorgebracht wurden. Dieses negative Patentsaldo von rund 87.000 Patenten für Deutschland stellt angesichts der angespannten geopolitischen Weltlage ein gravierendes Resilienzrisko dar. Die Eigentumsrechte an den Patenten bedeuten einerseits weitreichende strategische Kontrolle, was die Lizensierung und kommerzielle Nutzung neuer Technologien angeht. Andererseits kann durch den Verkauf von Unternehmen und entsprechenden Eigentumsrechten an ausländische Eigner auch technologisches Wissen abgezogen werden.
Alarmierend ist zudem, dass das negative Patentsaldo in den für Staat und Wirtschaft zentralen Digitalisierungstechnologien besonders ausgeprägt ist. Rund 8.700 in Deutschland entwickelte Patente werden hier von US-Eigentümern kontrolliert. Deutschland ist daher, wie auch bei Halbleitern und der Biotechnologie, ebenso wie Europa insgesamt gut beraten, ein höheres Maß technologischer Souveränität zu erreichen. Wie ein industrie- und technologiepolitischer Fahrplan dazu aussehen könnte, zeigte vergangenes Jahr die EuroStack-Studie. Nun muss alles daran gesetzt werden, schnell in die Umsetzung zu kommen.
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