Deutschlands Industrie ist von großer Bedeutung für die gesamte Volkswirtschaft und trägt entscheidend zu Wertschöpfung und Beschäftigung bei. Wie neue Studien der Bertelsmann Stiftung zeigen, ist das Verarbeitende Gewerbe zudem ein Garant des Verfassungsziels regional gleichwertiger Lebensverhältnisse.

Die Armen werden schneller reicher als die Reichen

In wirtschaftlicher Hinsicht hat es in Deutschland nämlich ein außergewöhnliches Aufholen ehemals ärmerer Städte und Kreise gegenüber reicheren Regionen gegeben. Die ehemals ärmsten Regionen (ganz links in der untenstehenden Grafik) weisen seit Anfang des Jahrtausends die höchsten Wachstumsraten des BIP pro Kopf auf und nähern sich damit dem Wohlstandsniveau reicherer Regionen an. Reichere Regionen hingegen verzeichnen – von ihrem hohen Niveau – nur noch deutlich geringere Wohlstandszuwächse.

Diese wirtschaftliche Angleichung steht im starken Kontrast zu Entwicklungen in anderen Industriestaaten, wo die regionalen Wohlstandsgefälle meist eher zunehmen. Besonders stark entfalten sich solche Dynamiken etwa in Irland oder in den USA, wo Dublin oder das Silicon Valley dem Rest des Landes wirtschaftlich enteilen.

Die Industrie sorgt für regionale Balance

Wie lässt sich der regionale Konvergenzprozess in Deutschland erklären? Einen entscheidenden Beitrag hat die Industrie mit ihrer spezifischen Branchenstruktur geleistet. In Deutschland sind viele Branchen bedeutend, die geringe Größen- und Verbundsvorteile aufweisen. Etwa in Deutschlands Maschinenbau können auch kleinere Unternehmen als „Einsiedler“ in ländlichen Regionen wirtschaftlich erfolgreich operieren. Branchen wie die Halbleiterfertigung oder Software- und IT-Dienstleistungen weisen dagegen eher Größen- und Verbundsvorteile auf, was zu einer Konzentration von Wertschöpfung und Beschäftigung in einigen Regionen führt.

Diese Ergebnisse haben gewichtige Implikationen über den aktuellen industriepolitischen Diskurs hinaus: Deindustrialisiert sich Deutschland, könnte nicht nur der Standortvorteil der gleichwertigen Lebensverhältnisse gefährdet sein, sondern auch die gesellschaftliche Stabilität leiden: Neuste Forschungsergebnisse zeigen, dass der Abstieg von Regionen sowie eine mangelnde regionalpolitische Abfederung auch eine starke politische Polarisierung nach sich ziehen kann. Besonders der bevorstehende Transformationsstress hoch industrialisierter und emissionsintensiver Regionen, die in den kommenden 20 Jahren auf eine klimaneutrale Produktionsweise umgestellt werden müssen, birgt Risiken für die lokale Akzeptanz und den gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Regionalpolitik immer wichtiger

Um diesen Herausforderungen zu begegnen, kommt der Regionalpolitik eine Schlüsselrolle zu. Sie orientiert sich bisher stark an bestehenden Einkommensdiskrepanzen, ohne die Heterogenität bei den noch zu erreichenden Emissionsreduktionen hinreichend zu berücksichtigen. Da viele industriell geprägten Regionen heute noch vergleichsweise einkommensstark sind, sollte die Regionalpolitik künftig vorausschauender und proaktiver gestaltet werden. Das betrifft sowohl die Fördergebietskulisse, die über die generelle Förderfähigkeit entscheidet als auch die Ausrichtung von Förderprogrammen auf Investitionen und Maßnahmen im Zusammenhang mit der Transformation in eine klimaneutrale Produktion und Infrastruktur.

Daneben wird es für die Wahrung der Gleichwertigkeit von Lebensverhältnissen entscheidend auf die Innovationspolitik ankommen. Nur wenn es gelingt, die regionalen Innovationscluster zu erhalten und zu stärken, werden sich Innovationserfolge auch abseits der Zentren materialisieren. In diesem Kontext sollte die Wirtschaftspolitik auf eine größere Diffusion von Schlüsseltechnologien wie KI in die Breite der Industrielandschaft zielen. Denn: Konzentrieren sich Entwicklung und Anwendung solcher Technologien zunehmend auf wenige Zentren wie in anderen Ländern, kann dies die Wachstumsaussichten der deutschen Mitteltechnologiebranchen dämpfen und zu einer entsprechend stärkeren Einkommenskonzentration führen.