Ostdeutschland wird wirtschaftspolitisch oft über Defizite beschrieben. Unser neuer Policy Brief zum Ostdeutschen Wirtschaftsforum zeigt ein differenzierteres Bild: Die Region verfügt über sichtbare Innovationsspitzen, starke Wissenschaftskooperationen, besondere Stärken bei Prozessinnovationen und wichtige Zukunftsfelder in Patenten, Investitionen und Green Economy. Die zentrale Aufgabe lautet nun, diese Stärken besser zu verbinden.
Ostdeutschland wird wirtschaftspolitisch noch immer häufig über Defizite beschrieben: geringere Konzernzentralen, weniger industrielle Großunternehmen, schwächere Kapitalausstattung, demografische Herausforderungen. All das ist nicht falsch. Aber es ist auch nicht die ganze Geschichte.
Wer nur nach denselben Maßstäben sucht, die westdeutsche Industriestärke lange geprägt haben, übersieht womöglich genau jene Muster, die den Innovationsstandort Ostdeutschland heute interessant machen: Wissenschaftsnähe, Kooperation, Prozessinnovation, technologische Knotenpunkte und eine starke Verankerung in Feldern der grünen Transformation.
Genau darum ging es beim diesjährigen Ostdeutschen Wirtschaftsforum in Bad Saarow. Die Bertelsmann Stiftung hat dort den Policy Brief „OWF26: Innovationsstandort Ostdeutschland – anders stark“ vorgestellt. Das Papier bündelt Befunde aus vier aktuellen Studien unseres Programms und fragt: Welche Muster zeigen sich für den Innovations- und Wirtschaftsstandort Ostdeutschland – und was folgt daraus für Standortpolitik, Unternehmen und regionale Entwicklung?
Keine einfache Ost-West-Rangfolge
Die wichtigste Botschaft lautet: Die Befunde eignen sich nicht für eine einfache Rangfolge nach dem Muster „stärker“ oder „schwächer“. Sie zeigen eher unterschiedliche Innovationsprofile.
Eine Sonderauswertung der Studie „Innovative Milieus 2026“ macht sichtbar, dass ostdeutsche Unternehmen in den innovationsstarken Milieus deutlich vertreten sind. Der Anteil der „Technologieführer“ liegt in Ostdeutschland bei rund 9,8 Prozent, in Westdeutschland bei rund 4,8 Prozent. Auch bei den forschungsorientierten Innovatoren liegt Ostdeutschland mit rund 9,3 Prozent über dem westdeutschen Vergleichswert von rund 7,3 Prozent.

Zugleich ist die Unternehmenslandschaft breiter gestreut. Neben innovationsstarken Unternehmen gibt es auch viele Betriebe, für die Innovation bisher keine zentrale strategische Rolle spielt. Das ist kein Widerspruch, sondern ein wichtiger Hinweis: Standortpolitik muss unterschiedliche Unternehmensrealitäten adressieren – von technologisch führenden Unternehmen über kooperative Mittelständler bis hin zu Betrieben, die Innovation eher punktuell und anlassbezogen betreiben.
Die unterschätzte Stärke: Prozessinnovation
Besonders interessant ist der Blick auf Prozessinnovationen. 36,2 Prozent der ostdeutschen Unternehmen berichten von erfolgreich umgesetzten Prozessinnovationen; in Westdeutschland sind es 32,1 Prozent. Diese Form der Innovation steht selten im Rampenlicht. Neue Produkte lassen sich leichter erzählen als veränderte Abläufe, effizientere Verfahren oder bessere Wertschöpfungsprozesse.
Für die industrielle Transformation sind Prozessinnovationen aber zentral. Sie verbessern Produktivität, Qualität, Ressourceneinsatz, Energieeffizienz, Digitalisierung und Anpassungsfähigkeit. Gerade in Zeiten von Fachkräfteengpässen, Kostendruck und ökologischer Transformation kann genau darin ein wichtiger Wettbewerbsvorteil liegen.

Dargestellt: Prozentualer Anteil der Unternehmen mit innovativem Output. Absteigend sortiert nach „Ost ohne Berlin“. Beispielfrage bzgl. Produktinnovationen: Hat Ihr Unternehmen seit 2019 neue oder merklich verbesserte Produkte oder Dienstleistungen eingeführt? Quelle: Befragung im IW-Zukunftspanel 2025; Sonderauswertung aus Anlass des OWF26; Berechnungen der IW Consult; Bertelsmann Stiftung / IW Consult: Innovative Milieus 2026. Die Innovationsfähigkeit der deutschen Unternehmen in schwierigen Zeiten. Gütersloh 2026.
Ostdeutschland innoviert also nicht nur dort, wo neue Technologien entstehen. Es innoviert auch dort, wo bestehende industrielle Routinen verändert, verbessert und neu verbunden werden.
Innovation entsteht an Schnittstellen
Ein weiteres Muster zieht sich durch die Befunde: Ostdeutsche Unternehmen arbeiten in Innovationsprozessen besonders häufig mit Hochschulen, Forschungseinrichtungen und anderen Unternehmen zusammen. Innovation entsteht hier oft an Schnittstellen – zwischen Wissenschaft und Anwendung, zwischen öffentlichen Impulsen und betrieblicher Umsetzung, zwischen regionalen Netzwerken und internationalen Technologiedynamiken.

Hinweis: Die Fragen zur Vernetzung und Organisation wurden auf eine Skala von 0 bis 1 transformiert, wobei 0 die minimale und 1 die maximale Zustimmung impliziert. Dargestellt sind die Mittelwerte pro Unternehmensgruppe für das jeweilige Item. Absteigend sortiert nach „Ost ohne Berlin“. Quelle: Befragung im IW-Zukunftspanel 2025; Sonderauswertung aus Anlass des OWF26; Berechnungen der IW Consult;; Bertelsmann Stiftung / IW Consult: Innovative Milieus 2026. Die Innovationsfähigkeit der deutschen Unternehmen in schwierigen Zeiten. Gütersloh 2026.
Das ist eine Stärke, aber auch eine Gestaltungsaufgabe. Kooperation entsteht nicht automatisch. Sie braucht Vertrauen, Verlässlichkeit, Übersetzungsarbeit und Institutionen, die unterschiedliche Logiken miteinander verbinden: die Logik der Forschung, die Logik des Mittelstands, die Logik großer Investoren, die Logik der Kommunen und die Logik regionaler Fachkräfteentwicklung.
Damit wird Innovation auch zu einer Frage der regionalen Kooperationsfähigkeit.
Technologische Ökosystem, Investitionen und Green Economy
Die drei ergänzenden Studien im Policy Brief erweitern dieses Bild. Die Patent- und Forschungsanalyse zeigt ostdeutsche Technologieökosysteme unter anderem in Jena, Sachsen und Berlin-Brandenburg. Die Investitionsstudie verweist auf aktuelle und geplante Industrieinvestitionen, insbesondere im Bereich Halbleiter in Sachsen. Die Jobmonitor-Analyse zur Green Economy zeigt eine starke Verankerung grüner Transformationsbedarfe im ostdeutschen Arbeitsmarkt, etwa bei Kreislaufwirtschaft, Umweltschutz und Emissionsminderung.
Das ist wirtschaftspolitisch relevant. Denn diese Befunde zeigen: Zukunftsfelder bleiben nicht abstrakt. Sie materialisieren sich in Investitionsprojekten, Stellenanzeigen, Forschungskooperationen, Produktionsprozessen und regionalen Wertschöpfungsketten.
Die entscheidende Frage ist deshalb nicht nur, ob Investitionen kommen. Sondern: Wie werden sie regional eingebettet? Welche lokalen Unternehmen werden Teil neuer Wertschöpfungsketten? Welche Qualifizierungsstrukturen entstehen im Umfeld neuer Investitionen? Welche Forschungs- und Entscheidungskompetenzen bleiben dauerhaft am Standort?
Standortpolitik ist Verbindungspolitik
Aus den Daten ergibt sich eine einfache, aber anspruchsvolle Schlussfolgerung: Standortstärke entsteht durch Verbindung.
Unternehmen, Forschung, Investitionen, Fachkräfte, Kommunen, Förderpolitik und Zivilgesellschaft müssen so zusammenspielen, dass aus einzelnen Stärken tragfähige Entwicklungspfade werden. Der Policy Brief beschreibt genau darin die Brücke zwischen Innovation und Demokratie: Vertrauen, Offenheit, Beteiligung und stabile Regeln sind Voraussetzungen für tragfähige Kooperation.
Das war auch ein zentrales Thema unseres Working Breakfasts beim Ostdeutschen Wirtschaftsforum: „Demokratie & Innovation: Was macht den Standort stark?“ Kapital, Fachkräfte und Infrastruktur bleiben entscheidend. Aber wettbewerbsfähige Standorte brauchen auch Zuversicht, Vertrauen in Institutionen und die Überzeugung, dass gesellschaftliche und wirtschaftliche Veränderungen gelingen können.
Gerade in Transformationsregionen ist das kein weicher Faktor. Wenn Wandel vor Ort nur als Zumutung erlebt wird, sinkt Akzeptanz. Wenn aber sichtbar wird, dass Investitionen, Infrastruktur, Innovationsförderung, Fachkräftepolitik und Beteiligung ineinandergreifen, entsteht nicht nur wirtschaftliche Dynamik. Es entsteht auch das politische Signal: Transformation ist gestaltbar.
Was daraus folgt
Für Ostdeutschland liegt die Chance nicht darin, westdeutsche Industriemuster einfach zu kopieren. Die Chance liegt darin, das eigene Profil strategisch weiterzuentwickeln: wissenschaftsnah, kooperativ, prozessstark, technologisch fokussiert und anschlussfähig an die grüne Transformation.
Dafür braucht es eine Standortpolitik, die nicht nur Ansiedlung organisiert, sondern Einbettung. Eine Innovationspolitik, die Prozessinnovationen ernst nimmt. Eine Transferpolitik, die Wissenschaftskooperationen in konkrete Innovationspfade übersetzt. Eine Fachkräftepolitik, die Green Economy nicht als Nischenthema behandelt. Und eine Regionalpolitik, die wirtschaftliche Erneuerung und demokratische Stabilität zusammendenkt.
Ostdeutschland ist kein Innovationsstandort zweiter Ordnung. Die Daten zeigen ein anderes Bild: einen Standort mit eigenen Stärken, eigenen Spannungen und eigenen Entwicklungspfaden.
Oder kurz gesagt: Ostdeutschland ist nicht einfach weniger stark. Ostdeutschland ist anders stark.
Zum Policy Brief:
OWF26: Innovationsstandort Ostdeutschland – anders stark
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