Deutschland befindet sich inmitten einer Zeitenwende. Geopolitische Umbrüche, technologische Disruptionen und die Notwendigkeit einer umfassenden Dekarbonisierung stellen das historische Erfolgsmodell des Industriestandorts vor enorme Herausforderungen. Gleichzeitig belasten der demografische Wandel, Fachkräfteengpässe und eine veraltete Infrastruktur Wirtschaft und Staat immer stärker. Unter großem Druck sucht die Wirtschaftspolitik nach Wegen, wirtschaftlichen Erfolg, soziale Balance und ökologische Nachhaltigkeit in Einklang zu bringen.

Vor diesem Hintergrund hatten wir uns schon 2022 entschlossen, die komplexen wirtschaftlichen Herausforderungen Deutschlands unter dem Blickwinkel von Zielkonflikten zu analysieren. Die damalige Ampelregierung war in vielen Fragen zwischen konträren Zielsetzungen und Krisenstrategien zerstritten und scheiterte letztlich am grundlegenden Spannungsverhältnis zwischen staatlichen Investitionserfordernissen und finanzpolitischer Tragfähigkeit. Durch den Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine sowie die anschließende Energiekrise hatte sich die wirtschaftliche Lage Deutschlands zuvor dramatisch verschärft. Besonders die energieintensive Industrie, aber auch die privaten Haushalte gerieten durch den sprunghaften Anstieg der Strom- und Gaspreise unter Druck. Gleichzeitig entstanden enorme zusätzliche Finanzbedarfe im Verwendungsbereich – und die Zinsen stiegen.

Während Teile der Politik in einer Reform der Schuldenbremse sowie zusätzlichen Schulden eine Lösung sahen, drängten andere auf eine Konsolidierung und Priorisierung in öffentlichen Haushalten, um die Herausforderungen zu bewältigen. Daneben stellte sich erneut die prinzipielle Frage, wie ambitionierte klimapolitische Maßnahmen und stark steigende CO2-Preise in eine Zeit stagnierender Wirtschaftsleistung und hoher Inflation passen. Die Sorgen vor einem Verlust der Wettbewerbsfähigkeit und einer folgenschweren Deindustrialisierung nahmen zu, auch weil die USA und China heimische Unternehmen durch massive Subventionen bevorteilten.

Schließlich kamen durch die Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten neue außenwirtschaftliche Unsicherheiten und geopolitische Risiken hinzu. Zölle und instabile weltwirtschaftliche Rahmenbedingungen belasten die handelsoffene deutsche Volkswirtschaft besonders schwer. Kriege und Konflikte können internationale Lieferketten unterbrechen und die Versorgung mit Gütern, Rohstoffen und Energieträgen beeinträchtigen. Zudem haben sich gefährliche Abhängigkeiten von China einerseits (z.B. bei Rohstoffen) und den USA andererseits (z.B. bei digitalen Technologien) eingestellt.

Die Wirtschaftspolitik ist dringend gefordert, ein neues außenwirtschaftliches Gleichgewicht zwischen den Vorteilen der globalen Arbeitsteilung und der Vermeidung von kritischen Abhängigkeiten zu finden. Diese Bestrebungen hängen wiederum vielfältig mit der wirtschaftlichen Entwicklung und dem klimapolitischen Fortschritt zusammen. Ein höherer Grad an Resilienz und Unabhängigkeit erfordert beispielsweise Investitionen, kann unter Umständen die Preise erhöhen, Ineffizienzen oder mehr Emissionen verursachen. Solche potenziellen Zielkonflikte gilt es auszutarieren.

In unserem Buch starten wir deshalb mit einem Überblick über die wirtschaftspolitischen Ziele und Zusammenhänge unserer Zeit (siehe Abbildung). Darauf aufbauend führt »Im Bann der Zielkonflikte« systematisch durch die großen Spannungsfelder der deutschen Wirtschaftspolitik im Kontext der Nachhaltigkeitstransformation. Im Mittelpunkt stehen die Konfliktlinien zwischen Wohlstandserhalt und Strukturwandel: Geht Klimaschutz auf Kosten von Wachstum, Industrie und Arbeitsplätzen? Gefährdet er den sozialen Zusammenhalt oder die Stabilität von Preisen und Staatsfinanzen? Und warum scheitern viele notwendige Veränderungen an mangelnder Akzeptanz? Schließlich fragen wir uns, wie die Megatrends der KI-getriebenen Digitalisierung, des demografischen Wandels, der ökologischen Krisen und einer veränderten Globalisierung die Zielkonflikte und ihre Lösungsräume verändern.

Anhand aktueller Entwicklungen, wissenschaftlicher Erkenntnisse und konkreter Beispiele zeigt das Buch, wie Zielkonflikte entstehen, warum sie die politische Entscheidungsfindung erschweren und welche Lösungswege offenstehen. Dabei wird deutlich: Die Transformation in eine Nachhaltige Soziale Marktwirtschaft eröffnet große Chancen – und viele vermeintliche Zielkonflikte auf diesem Weg sind keine unüberwindbaren Gegensätze. Vielmehr geht es um wirtschaftspolitische Gestaltungsfragen, für die wir verschiedene Ansätze entlang der Zielkonflikte aufzeigen.

Insgesamt zeigt sich, dass aufgrund der vielen Interdependenzen zwischen Herausforderungen, Zielen und Maßnahmen, eine stärkere wirtschaftspolitische Koordinierung auf europäischer Ebene nötig ist. Insbesondere bei Fragen der technologischen Souveränität, der industriellen Entwicklung und der klimapolitischen Ausrichtung wird Europa nur als hoch integrierter Wirtschaftsraum gegenüber den USA und China bestehen, der politisch an einem Strang zieht. Um Wirtschaft und ökologische Nachhaltigkeit in einer erfolgreichen Transformation verbinden zu können, bedarf aber nicht nur eines konsistenten und verlässlichen Rahmens sowie eines klugen Instrumentenmixes, sondern auch einer gradlinigen und mutigen Politik, deren Grundzüge wir im Buch skizzieren.