Eine Solaranlage erzeugt nicht nur klimafreundlichen Strom. Sie ist auch weithin sichtbar, liefert Gesprächsstoff und kann Entscheidungen in ihrer Umgebung verändern. Unsere Forschung zeigt: Um die Wirkung von Solarförderung zu beurteilen, sollte nicht nur die geförderte Anlage, sondern auch die zusätzlichen Auswirkungen in der Nachbarschaft, betrachtet werden.

Die Energiewende ist auch ein sozialer Prozess

Die Anschaffung einer Solaranlage hängt wesentlich von den Investitionskosten, der erwarteten Stromproduktion und den Förderbedingungen ab. Doch Haushalte treffen ihre Entscheidungen nicht isoliert. Sie beobachten, was Menschen in ihrer Umgebung tun, tauschen Erfahrungen aus und orientieren sich daran, was im eigenen Wohnumfeld passiert.

Gerade bei Solaranlagen sind solche sozialen Einflüsse plausibel, weil die Solarmodule von außen gut sichtbar sind. Eine neue Anlage kann somit Unsicherheiten abbauen: Lohnt sich Photovoltaik in dieser Gegend? Wie aufwendig ist die Installation? Zugleich kann sie signalisieren, dass klimafreundliche Investitionen in der Nachbarschaft zunehmend zur Normalität werden.

Dass solche Einflüsse tatsächlich relevant sind, zeigen Studien aus den USA und Deutschland: Solaranlagen häufen sich räumlich, und bereits installierte Anlagen tragen zu ihrer weiteren Verbreitung in der Nachbarschaft bei. Diese Wirkung beschränkt sich nicht nur auf die Anschaffung weiterer Solaranlagen, wie eine Studie aus Australien zeigt. Sie findet, dass mehr Solaranlagen in einer Nachbarschaft im Durchschnitt auch den freiwilligen Bezug von Grünstrom durch andere Haushalte erhöhen.

In unserer Studie haben wir solche Nachbarschaftseffekte in der Schweiz untersucht. Dazu nutzen wir georeferenzierte Daten von rund 260.000 Haushalten im Kanton Bern aus den Jahren 2008 bis 2019. Sie umfassen den Stromverbrauch, die Wahl des Stromprodukts sowie Solaranlagen und Elektroautos. Damit betrachten wir mehrere energiebezogene Entscheidungen gleichzeitig und untersuchen die Auswirkungen von Solaranlagen auf das Umweltverhalten benachbarter Haushalte.

Mehr als eine räumliche Korrelation

Die zentrale empirische Herausforderung besteht darin, einen Nachbarschaftseffekt von gemeinsamen lokalen Einflüssen zu unterscheiden. Wenn in einem Ort viele Solaranlagen entstehen, kann das etwa an günstigen geografischen Bedingungen, hohen Einkommen oder einer aktiven kommunalen Klimapolitik liegen. Eine bloße Korrelation zwischen den Entscheidungen benachbarter Haushalte wäre daher noch kein Beleg für sozialen Einfluss.

Unsere Analyse verbindet deshalb das Solarpotenzial der umliegenden Dächer mit der weltweiten Entwicklung der Photovoltaikpreise. Wenn die Technik günstiger wird, steigt die Zahl der Installationen vor allem dort, wo viele geeignete Dachflächen vorhanden sind. Diese unterschiedliche Entwicklung nutzen wir, um den kausalen Einfluss benachbarter Anlagen zu bestimmen.

Eine Anlage verändert mehrere Entscheidungen

Unsere Ergebnisse zeigen, dass Solaranlagen über den Haushalt hinauswirken, der sie installiert. Eine zusätzliche Anlage in 100 Metern Entfernung senkt den jährlichen Stromverbrauch eines Haushalts im Durchschnitt um etwa 0,2 Prozent. Das entspricht beim durchschnittlichen Stromverbrauch in unserem Datensatz ungefähr elf Kilowattstunden pro Jahr. Für einen einzelnen Haushalt ist dieser Effekt klein.

Da eine Anlage mehrere Haushalte in ihrer Umgebung beeinflussen kann, können sich diese kleinen Einzelwirkungen summieren. Der Einfluss beschränkt sich nicht auf den Stromverbrauch. Neue Solaranlagen in der Nähe erhöhen auch die Wahrscheinlichkeit, dass weitere Haushalte selbst eine Anlage installieren. Darüber hinaus steigt die Verbreitung von Elektroautos.

Der Impuls aus einem Markt kann somit auf andere klimafreundliche Entscheidungen übergreifen. Eine sichtbare Investition in eine Solaranlage verändert nicht nur dieselbe Entscheidung bei anderen, sondern kann ein breiteres Bündel an Verhaltensänderungen anstoßen.

Unsere Daten erlauben nicht, die zugrunde liegenden Mechanismen abschließend zu trennen. Plausibel sind vor allem zwei Erklärungen.

Erstens können Haushalte durch Gespräche oder Beobachtungen von den Erfahrungen ihrer Nachbarschaft lernen. Dies kann erklären, warum eine Solaranlage die Installation weiterer Anlagen in ihrer Umgebung begünstigt. Weniger unmittelbar erklärt soziales Lernen jedoch, warum sich auch andere klimafreundliche Verhaltensweisen verändern. Hier kommt unsere zweite Erklärung ins Spiel.

Zweitens kann eine sichtbare Investition soziale Normen verändern und die eigene Bereitschaft erhöhen, einen Beitrag zum Klimaschutz zu leisten. Wenn Haushalte beobachten, dass andere sich umweltfreundlich verhalten, sind sie eher bereit, dies selbst auch zu tun. Unsere Ergebnisse deuten zudem darauf hin, dass die Reaktion von den Handlungsmöglichkeiten eines Haushalts abhängt. Besonders deutlich fällt die Verbrauchsreaktion bei Haushalten aus, deren eigenes Dach nur wenig für Photovoltaik geeignet ist. Bei Investitionsentscheidungen hängt der Handlungsspielraum dagegen von Faktoren wie Eigentumsverhältnissen und finanziellen Mitteln ab.

Förderprogramme bewirken mehr, als ihre Bilanz zeigt

Diese Nachbarschaftseffekte sind für die Wirtschaftspolitik wichtig. Wer eine Solaranlage installiert, berücksichtigt bei der eigenen Entscheidung normalerweise nicht, dass dadurch andere Haushalte Strom sparen oder ebenfalls in klimafreundliche Technologien investieren. Ein Teil des gesellschaftlichen Nutzens bleibt damit außerhalb der privaten Kalkulation. Aus ökonomischer Sicht spricht das dafür, solche indirekten Wirkungen bei der Bewertung von Fördermaßnahmen zu berücksichtigen.

Für das von uns untersuchte Schweizer Förderprogramm berechnen wir, welcher gesellschaftliche Wert mit jedem zusätzlichen Franken verbunden ist, den der Staat netto für die Förderung aufwendet. Ohne Berücksichtigung der Nachbarschaftseffekte liegt dieser Wert bei 1,36 Franken. Werden auch die zusätzlichen Solaranlagen, Elektroautos und Stromeinsparungen im Umfeld einbezogen, steigt er auf 1,59 Franken und damit um rund 17 Prozent.

Dieser Wert lässt sich nicht einfach auf jedes Land und jedes Förderprogramm übertragen. Er macht aber deutlich, dass herkömmliche Evaluationen den Nutzen von Solarförderung unterschätzen können, wenn sie ausschließlich die unmittelbar geförderten Anlagen betrachten.

Wie die Politik Nachbarschaftseffekte nutzen kann

Eine Möglichkeit besteht darin, lokale soziale Dynamiken bei der Ausgestaltung politischer Maßnahmen stärker zu berücksichtigen. Forschung aus den USA zeigt, dass die gezielte Nutzung sozialer Lernprozesse die Verbreitung von Solaranlagen fördern kann. Unsere Studie untersucht solche Maßnahmen allerdings nicht direkt und liefert daher keine konkrete Blaupause für ihre Ausgestaltung. Sie zeigt aber, dass Klimapolitik stärker wirken kann, wenn sie berücksichtigt, dass Haushalte voneinander lernen und sich an den Entscheidungen in ihrem Umfeld orientieren.

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