Große politische Entscheidungen für eine beschleunigte Energiewende werden primär auf EU- oder Bundesebene getroffen. Das zeigt aktuell eindrücklich die Umsetzung der RED III-Richtlinie sowie kontroverse Diskussionen um die EEG- oder Netzpaket-Novellen.

Ob sie wirken, entscheidet sich jedoch in den Regionen: Dort, wo Flächen ausgewiesen, Interessen verhandelt und Lösungen konkret entwickelt werden müssen.

Kompetenzen und Aufgaben in der räumlichen Steuerung der Vorhaben verschieben sich zunehmend ebenfalls auf die regionale Ebene: Sei es bei Windenergie- und Beschleunigungsgebieten, bei Infrastrukturgebieten, der Bereitstellung von ÖPNV oder auch bei Fragen von Landesverteidigung und Zivilschutz.

Regionen sind die Orte, wo Zustimmung oder Ablehnung entsteht; wo nationale oder EU-Politik konkret wird oder scheitert. Gerade der ländliche Raum verfügt über enorme Potenziale im Rahmen der Energiewende, die er zur regionalen Wertschöpfung und für eine zukunftsgerichtete Positionierung aktiv mitgestalten sollte.

Local Heroes: Gesichter, die Vertrauen schaffen

Transformation gelingt dort besonders gut, wo echte Kooperation zwischen lokalen Akteur:innen, Behörden und Vorhabenträgern entsteht. Der Ausgang von Verfahren der Planung und Umsetzung neuer Infrastrukturen entscheidet sich häufig auch daran, wie gut ein Vorhaben zur identitätsstiftenden „Seele“ einer Region passt.

Vergangene Erfahrungen prägen diese Wahrnehmung maßgeblich mit. Spannungen können etwa entstehen, wenn sich regionale Windenergiegebiete auf eine Tourismusregion wie den Hochschwarzwald konzentrieren (Konfliktlogik: Sichtbarkeit), Freiflächen-Photovoltaik in einer landwirtschaftlich geprägten Region stark anwächst (Konflikt: Flächenbedarf) oder ein mögliches Endlager in einer naturräumlichen Fluss- und Seenlandschaft entstehen soll (Konfliktlogik: Sorgen um Schadstoffaustritt).

Genau in solchen Konstellationen braucht es Local Heroes als Change Agents vor Ort: engagierte Bürgermeister:innen, Vereine, Unternehmer:innen oder andere Multiplikator:innen, die ihre Region kennen, mögliche Herausforderungen einordnen und Projekte aktiv vorantreiben können.

Denn diese Menschen genießen in ihrer Region Vertrauen und sprechen den regionalen Dialekt. Dies ist entscheidend für die Akzeptanz und Umsetzung von Projekten

Eine Trias, kein Gegenüber: Local Heroes, Vorhabenträger, Behörden

Erfolgreiche Transformation vor Ort ist jedoch selten das Werk einer einzelnen Seite. Sie entsteht im konstruktiven Zusammenspiel dreier zentraler Akteursgruppen:

  • lokalen Stakeholdern und Frontrunnern, also den Local Heroes
  • den Vorhabenträgern, etwa Netzbetreibern, EE-Projektierern oder, im Fall der Endlagersuche, der Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE mbH)
  • und der Behördenseite, insbesondere Umwelt-, Planungs- und Genehmigungsbehörden.

Denn auch infrastrukturelle Großprojekte wie Südlink oder die Endlagersuche brauchen von der Behördenseite einen erheblichen raumplanerischen Vorlauf und frühzeitige Planungssicherheit. Diese Sicherheit entsteht aber nur, wenn Vorhabenträger und lokale Stakeholder von Anfang an eingebunden sind und nicht erst am Ende eines Verfahrens aufeinandertreffen.

Wo eine der drei Seiten fehlt oder isoliert agiert, drohen entweder technisch tragfähige, aber gesellschaftlich nicht getragene Projekte, oder gut gemeinte Beteiligungsformate ohne Anschluss an reale Investitions- und Genehmigungsprozesse. Anders gesprochen: Wirkung braucht Mitwirkung; Mitwirkung darf aber nicht ohne Wirkung bleiben, sonst droht der Vorwurf von Scheinbeteiligung.

Drei regionale Beispiele gelebter Kooperation

Wie das konkret aussehen kann, zeigt sich in sehr unterschiedlichen Kontexten. In allen drei Fällen tragen lokale Multiplikator:innen, unterstützt von den jeweiligen Vorhabenträgern, die Verantwortung für die Mittelverwendung im Sinne des regionalen Gemeinwohls.

In der Gemeinde Neuenbrook im Kreis Steinburg trägt der 2010 initiierte und 2015 als Verein formalisierte Förderverein Hand in Hand für Neuenbrook ein eigenes Leistungspaket. Das Paket „Kinderfreundliches Dorf“ ermöglicht unter anderem Schwimmkurs-Zuschüsse, ein gestaffeltes Einschulungsgeld oder eine beitragsfreie Jugendfeuerwehr. Finanziert wird es maßgeblich aus den Erlösen der örtlichen Bürgerenergieanlagen. So fließen Erträge der Energiewende direkt in handfeste Daseinsvorsorge vor Ort, von der Kita bis zum Feuerwehrhaus.

Der Energiepark Witznitz steht auf einer ehemaligen Tagebaufläche zwischen Böhlen, Neukieritzsch und Rötha im Landkeis Leipzig. Er leistet in der finalen Ausbaustufe  605 Megawatt auf rund 500 Hektar. Der Vorhabenträger und Betreiber hat eine treuhänderisch verwaltete Stiftung errichtet: Pro installiertem Megawatt fließen jährlich 600 Euro, mindestens aber 360.000 Euro, über mehrere Jahrzehnte an die drei Anrainerkommunen. Über die Vergabe entscheidet zweimal jährlich ein fünfköpfiger, ehrenamtlicher Vorstand aus der Region selbst.

Im Landkreis Wolfenbüttel zeigt die Stiftung Zukunftsfonds Asse, dass sich das Prinzip auch jenseits der Energiewende bewährt: weil die Schachtanlage Asse II die Region vor eine besondere Lastensituation stellt, unterstützt der Bund seit 2015 jährlich mit drei Millionen Euro eine eigens per Landesgesetz errichtete öffentlich-rechtliche Stiftung als Nachteilsausgleich. Ein Gremium aus Politik und Verwaltung der Region entscheidet über die Verwendung für Infrastruktur, Daseinsvorsorge, Bildung und Forschung.

Transformationsmanager:innen als Schnittstellenmanager:innen

An genau dieser Schnittstelle setzen Transformationsmanager:innen an und koordinieren projektübergreifend zwischen den drei Sphären: Sie bringen lokale Stakeholder, Vorhabenträger und Behörden zusammen, gestalten die eigentlichen Transformationsprozesse mit und entlasten dadurch Raumplanung und Verwaltung von einem Teil des Vermittlungsaufwands.

Vor allem aber übersetzen sie zwischen den Interessen von Netzbetreibern oder Projektierern auf der einen und der lokalen Community auf der anderen Seite. Eine Aufgabe, die weder die Behördenseite allein noch die Vorhabenträger selbst glaubwürdig übernehmen können. Diese Rolle ist deshalb anspruchsvoll, weil sie nicht für ein einzelnes Infrastrukturthema gedacht ist, sondern für die gesamte Bandbreite paralleler Transformationsprojekte einer Region, von der Windenergie über den Netzausbau bis zur Endlagersuche.

Was es jetzt braucht

Politische Rückendeckung: für projektübergreifende regional verankerte Transformationsmanager-Rollen, mit eigenständigem Mandat, verlässlicher Finanzierung und klaren Verantwortungsbereichen. Und das über sektorspezifische, temporäre und projektabhängige Spezialformen wie Windkümmerer oder LEADER-Stellen hinaus.

Verbindlichkeit: Zweitens braucht es Wertschöpfungsmodelle wie in Neuenbrook, Witznitz oder am Zukunftsfonds Asse, die zwischen Vorhabenträgern und Regionen verbindlich vereinbart werden, damit Local Heroes Wirkungsmacht entfalten können.

Mehr als Akzeptanzmaßnahmen: Und drittens muss die Kooperation zwischen lokalen Stakeholdern, Vorhabenträgern und Behörden von Anfang mit Leben gefüllt werden, beim Ausbau der Windenergie über den Netzausbau bis zur Wasserstoffleitung. Beteiligung darf keine reine Akzeptanzmaßnahmen sein – das geht schief.

Die Energiewende, der Netzausbau und die anderen großen Aufgaben unserer Zeit werden nicht in Ministerien zum Erfolg geführt, sondern ganz konkret vor Ort: Also dort, wo lokale Akteure mit ihren Local Heroes, Vorhabenträger sowie Planungs- und Genehmigungsbehörden zusammenkommen.

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Wandel vor Ort: Wie die Transformationskapazität von Kommunen gestärkt werden kann von Victoria Luh, RIFS und Johanna Siebert, Progressives Zentrum

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