Deutschland steht vor einer historischen Herausforderung: Die Infrastruktur altert, das Wachstumspotenzial fällt, die Klimakrise verschärft sich und die natürlichen Lebensgrundlagen geraten zunehmend unter Druck. Das historische Finanzpaket vom März 2025 sollte hier Besserung bringen, insbesondere das Sondervermögen Infrastruktur und Klimaneutralität (SVIK). Ein Jahr nach Verabschiedung ziehen einige Studien jedoch eine ernüchternde Bilanz.

Deutlich über 80 Prozent des Sondervermögens sind nicht für zusätzliche Investitionen in Infrastruktur verwendet worden. Die Analyse zur Zukunftsquote des Bundeshaushalts von ZEW und WWF ergänzt dieses Bild: Der Gesamthaushalt 2025 erreicht dennoch mit über 22 Prozent Zukunftsausgaben einen Höchststand, getrieben vom Sondervermögen. Das SVIK selbst weist eine Zukunftsquote von fast 90 Prozent auf.

Der Unterschied zwischen Zukunfts- und Investitionsquote: Die Zukunftsquote bewertet ganzheitlich, wie zukunftsgerichtet Bundesausgaben sind. Die herkömmliche Investitionsquote, bei der die Sachkapitalbildung im Vordergrund steht, wird um Aspekte wie Bildung, Forschung und Natur- und Klimaschutz erweitert. So kann überprüft werden, ob die Bundesregierung ausreichend Ausgaben im Sinne der Zukunft tätigt.

Methode der Zukunftsquote

Die Zukunftsquote wird mithilfe eines eigens entwickelten Bewertungsalgorithmus berechnet. Die Berechnung macht sich die Klassifikation aller Haushaltstitel im Rahmen des Funktionen- und des Gruppierungsplans zunutze.

  • Der „Funktionenplan“ gliedert die Ausgaben nach ihren Politikbereichen, z.B. Bildung, Gesundheit oder Umwelt.
  • Der „Gruppierungsplan“ ordnet die Haushaltstitel bestimmten volkwirtschaftlichen Verwendungen wie z.B. Personalausgaben oder Investitionen zu.

Alle genutzten Funktionen werden einer individuellen Bewertung im Hinblick auf ihre Zukunftsorientierung unterzogen. Anschließend erfolgt eine abschließende Gewichtung anhand des Gruppierungsplans, um die Investitionsorientierung zu erkennen. Die Sondervermögen werden bei der Ermittlung der Zukunftsquote separat bewertet, da sie Besonderheiten aufweisen, die eine differenzierte Betrachtung erfordern.

Bei der genauen Abgrenzung und Gewichtung von Zukunftsinvestitionen bestehen immer Unschärfen. Die vorliegende Untersuchung interpretiert Zukunftsinvestition deshalb sowohl enger (also strenger) als auch weiter (also großzügiger). Aus Gründen der Übersichtlichkeit soll im Folgenden nur von der weiten Zukunftsquote die Rede sein.

Gesamthaushalt erreicht bei Zukunftsquote Höchstwert

Zukunftsquote

Die Zukunftsquote des Gesamthaushalts (Kernhaushalt und Sondervermögen) erreicht im Jahr 2025 ein Rekordniveau von 22,3 Prozent (Abbildung 1). Absolut verdoppelten sich die Zukunftsausgaben von 2018 bis 2025 nahezu auf gut 125 Milliarden Euro.

Es wird deutlich: Die umfassende Betrachtung der zukunftsgerichten Ausgaben ergänzt das Bild der zweckentfremdeten Investitionen aus den anderen Analysen um eine neue Dimension. Der erweiterte Indikator gibt Auskunft über Ausgaben, die dem Schutz, der Wiederherstellung und dem Wachstum natürlicher Lebensgrundlagen, dem technischen Wissen und Humankapital zugutekommen. Somit können auch Wachstumseffekte holistischer mitgedacht werden. Und hier schreitet das Haushaltsjahr 2025 insgesamt gut ab.

Zukunftsquote wird durch Sondervermögen getrieben

Die Höhe der Zukunftsinvestitionen hat ein motivierendes Niveau erreicht. Dieses sollte in den kommenden Jahren mindestens aufrechterhalten bleiben. Das Problem: Der Anstieg der Zukunftsausgaben erklärt sich einzig aus den Sondervermögen, insbesondere dem SVIK.

Im Kernhaushalt sind Anteil und absolute Höhe der Zukunftsausgaben bereits das zweite Jahr in Folge rückläufig. Hier decken sich die Befunde zur Zukunftsquote somit mit den kritischen Berichten zur Investitionsquote: Zum Teil werden die Finanzierungsmöglichkeiten der Sondervermögen genutzt, um im Kernhaushalt wieder stärker Gegenwartsinteressen zu bedienen.

Dies wird auch an folgendem Detailergebnis deutlich: Ohne den Rückgang der zukunftsorientierten Ausgaben im Kernhaushalt hätte die Zukunftsquote des Gesamthaushalts bei rund 24 Prozent gelegen (siehe Abbildung 1). Sobald diese Sondervermögen auslaufen oder ausgeschöpft sind, droht eine Finanzierungslücke.

Eine effektive, auf Zukunft ausgerichtete Finanzpolitik sieht anders aus. Die Zukunftsquote ist somit auch ein Transparenzinstrument und Frühwarnsystem. Sie zeigt, dass der Kernhaushalt – also der reguläre Bundeshaushalt ohne Sondervermögen – sich in die falsche Richtung entwickelt.

Beispiel Klimaschutz: Hier sendet eine konsistente, langfristige Finanzplanung ein starkes Signal für Unternehmen, Finanzakteure und private Haushalte. Ist nicht klar, ob und wie Klimaschutz in Zukunft öffentlich bezahlt wird, bremst dies auch private Investitionen. Eine unklare Finanzierungsperspektive erhöht Unsicherheiten.

Auch das neue Klimaschutzprogramm der Bundesregierung muss finanziell untermauert werden. Dafür braucht es verlässliche Finanzquellen. Der Trend, dass sogar trotz Sondervermögen weniger Geld im Klima-Topf der Bundesregierung war als vorher, sollte 2026 dringend umgekehrt werden. Denn während 2024 noch 49 Milliarden Euro für den Klima- und Transformationsfonds veranschlagt wurden, waren es 2025 nur knapp 37 Milliarden. Euro. Für 2026 sind sogar nur 33 Milliarden Euro vorgesehen.

Nettokreditaufnahme nicht ausreichend zukunftsorientiert

Auch bei der Nettokreditaufnahme des Bundes ist das Ergebnis kritisch: Die Zunahme bei der Nettokreditaufnahme steht in deutlichem Missverhältnis zu den damit finanzierten Zukunftsausgaben (Abbildung 2). Lediglich ein knappes Drittel der 2025er-Kreditfinanzierung entfällt auf Zukunftsausgaben. Dabei sollten insbesondere kreditfinanzierte Mittel in Zukunftsfähigkeit fließen, von denen auch jüngere und kommende Generationen profitieren.

Im Zuge der nun anstehenden Haushaltsverhandlungen für 2027 muss es gelingen, die Zusätzlichkeit der Mittel aus dem Sondervermögen Infrastruktur und Klimaneutralität abzusichern und Zukunftsausgaben auch im Kernhaushalt besser zu verankern. Auch auf Länderebene sind Anreize für eine zukunftsgerichtete Ausgabe der Mittel nötig. Länder und insbesondere Kommunen sind für einen Großteil der öffentlichen Infrastruktur zuständig und sollten daher in der Debatte eine wichtige Rolle spielen.

Mit ihrer holistischen Perspektive zeigt die Zukunftsquote schwarz auf weiß, wo wir stehen. Sie setzt somit einen Impuls für eine ganzheitlichere Debatte: Der Blick auf die traditionelle Investitionsquote ist zu eng. Ausgaben in Bildung, Forschung und Klimaschutz leisten einen wesentlichen Beitrag für die Zukunft und müssen als Zukunftsinvestition mitbedacht werden.

Zwar zeichnet die Zukunftsquote aktuell ein optimistischeres Bild als andere Studien, aber auch sie macht den großen Handlungsbedarf deutlich. Während das Niveau der Zukunftsausgaben so hoch ist wie nie, sind sie größtenteils nur noch temporär gesichert, da sie in Sondervermögen ausgelagert werden. Eine zukunftsorientierte und sozial gerechte Finanzstrategie des Bundes muss sich diesem Missverhältnis annehmen.

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Warum wir im Kampf gegen den Klimawandel nicht genug investieren von Dr. Florian Egli, TU München

Neues Magisches Viereck: Ein Bericht zum Zustand der deutschen Wirtschaft von Dr. Tom Bauermann und Lucas Kannenberg, IMK

Staatsfinanzen im Fokus – wie Megatrends, Kriege und Krisen den Fiskus herausfordern von Sara Hagemann und Otto Meyer zu Schwabedissen, Bertelsmann Stiftung