Deutschland diskutiert seit Jahren über marode Infrastruktur, Investitionsrückstände und die Frage, wie sich die wirtschaftliche Zukunftsfähigkeit des Landes sichern lässt. Mit dem neuen Sondervermögen für Infrastruktur und Klimaneutralität wurde 2025 ein finanzpolitischer Schritt unternommen, der zusätzliche öffentliche Investitionen ermöglichen soll.
Doch wie steht die Bevölkerung zu einer solchen Politik? Werden höhere staatliche Investitionen unterstützt? Und wie sollen sie finanziert werden?
Eine repräsentative Online-Befragung des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) zeigt: Die große Mehrheit der Menschen in Deutschland wünscht sich mehr öffentliche Investitionen – über nahezu alle zentralen Bereiche der öffentlichen Infrastruktur hinweg. Zudem findet eine Kreditfinanzierung deutlich mehr Akzeptanz in der Bevölkerung, als die politische Debatte oft vermuten lässt.
Der Wunsch nach Investitionen ist weit verbreitet
Die Ergebnisse der Umfrage zeigen, dass die Menschen in Deutschland in praktisch allen zentralen Bereichen eine Ausweitung der öffentlichen Investitionen wünschen. Besonders ausgeprägt ist der Wunsch nach zusätzlichen staatlichen Ausgaben im Gesundheitswesen und in der Pflege: Rund neun von zehn Menschen sprechen sich für zusätzliche staatliche Mittel aus.
In den Bereichen Bildung, Straßen, Brücken und Autobahnen, öffentliche Sicherheit sowie Bahnverbindungen und öffentlicher Nahverkehr finden sich ebenfalls jeweils große Mehrheiten für eine Ausweitung öffentlicher Investitionen. Selbst in Bereichen, die politisch kontroverser diskutiert werden, wie etwa Klima- und Umweltschutz, spricht sich noch eine Mehrheit für höhere Investitionen aus.
Für die wirtschaftspolitische Debatte ist dies aus zwei Gründen relevant.
Erstens zeigt sich, dass Investitionen in öffentliche Infrastruktur keineswegs nur ein Expertenanliegen sind. Viele Menschen erleben Defizite im Alltag unmittelbar – sei es in Schulen, im Gesundheitssystem, auf Straßen oder im Schienenverkehr.
Zweitens signalisiert die breite Zustimmung, dass öffentliche Investitionen nicht nur als Kostenfaktor gesehen werden, sondern als Voraussetzung für Lebensqualität, wirtschaftliche Leistungsfähigkeit und gesellschaftliche Stabilität.
Der Vergleich mit einer ähnlichen Befragung aus dem Jahr 2021 zeigt zudem, dass der Wunsch nach zusätzlichen Investitionen in vielen Bereichen angestiegen ist. Besonders deutlich fällt der Zuwachs bei Straßen, Brücken und Autobahnen aus. Auch bei Bahnverbindungen und öffentlichem Nahverkehr sowie bei der öffentlichen Sicherheit hat der Wunsch nach höheren Investitionen zugenommen.
Diese Entwicklung deutet darauf hin, dass viele Menschen den Zustand der öffentlichen Infrastruktur zunehmend als Problem ansehen. Eine solche Einschätzung deckt sich auch mit den Ergebnissen zahlreicher Studien, die seit Jahren auf erhebliche Investitionsdefizite in Deutschland hinweisen.
Investitionen verbinden – über Parteigrenzen hinweg
Bemerkenswert ist, dass der Wunsch nach höheren öffentlichen Investitionen nicht auf die Anhängerschaft einzelner Parteien begrenzt ist. Zwar unterscheiden sich die Investitionswünsche der Parteianhängerschaften in einzelnen Bereichen teilweise deutlich.
- So werden höhere Investitionen in Klima- und Umweltschutz vor allem unter Anhängerinnen und Anhängern der Grünen, der Linken und der SPD gewünscht.
- Bei der öffentlichen Sicherheit finden sich besonders hohe Investitionswünsche unter Anhängerinnen und Anhängern von AfD, CDU/CSU und SPD.
Insgesamt zeigt sich jedoch, dass in den meisten zentralen Infrastrukturfeldern die Anhängerschaften nahezu aller Parteien mehrheitlich eine Ausweitung der öffentlichen Investitionen wünschen.
Für die Politik ist dies eine wichtige Erkenntnis. Öffentliche Investitionen könnten stärker als bisher als verbindendes Modernisierungsprojekt verstanden werden. Gerade in einer Zeit wachsender gesellschaftlicher Polarisierung ist bemerkenswert, dass sich bei der Frage nach der Notwendigkeit besserer Infrastruktur weitreichende Gemeinsamkeiten erkennen lassen.
Offenheit für kreditfinanzierte Investitionen
Ein besonders kontroverses Thema in Deutschland ist die Frage der Finanzierung öffentlicher Investitionen. Die Schuldenbremse und die Möglichkeiten staatlicher Kreditaufnahme prägen die wirtschaftspolitische Debatte bereits seit Jahren.
Die Befragung zeigt jedoch, dass eine Mehrheit der Bevölkerung zusätzlichen Krediten zur Finanzierung öffentlicher Investitionen grundsätzlich offen gegenübersteht. Knapp 60 Prozent stimmen der Aussage zu, dass der Staat Kredite aufnehmen dürfen sollte, um öffentliche Investitionen zu finanzieren. Nur etwa ein Fünftel lehnt dies ausdrücklich ab.
Dabei zeigt sich erneut ein überraschend breiter Konsens über Parteigrenzen hinweg. Unter Anhängerinnen und Anhängern von Grünen, SPD, FDP, CDU/CSU und Linken unterstützt jeweils rund zwei Drittel die Möglichkeit zusätzlicher Kreditaufnahme für Investitionen. Selbst unter Anhängerinnen und Anhängern der AfD findet sich noch eine relative Mehrheit für eine solche Finanzierung.
Diese Ergebnisse relativieren das verbreitete Narrativ, dass staatliche Verschuldung grundsätzlich auf breite gesellschaftliche Ablehnung stoße.
Möglicherweise unterscheiden viele Bürgerinnen und Bürger zwischen konsumtiven Ausgaben einerseits und Investitionen andererseits. Wenn Kredite dazu beitragen, Schulen zu sanieren, Verkehrswege zu modernisieren oder öffentliche Dienstleistungen leistungsfähiger zu machen, erscheint dies für viele Menschen akzeptabel.
Das Sondervermögen ist ein Anfang
Gleichzeitig zeigen die Ergebnisse eine wichtige Einschränkung: Viele Menschen wünschen sich, zunächst bestehende Staatsausgaben kritisch zu überprüfen und finanzielle Spielräume durch Umschichtungen in den öffentlichen Haushalten zu schaffen. Dies spricht für ein verbreitetes Effizienzbedürfnis im Umgang mit öffentlichen Mitteln. Kreditfinanzierung wird akzeptiert – sie sollte von der Politik jedoch nicht als Freibrief verstanden werden.
Den Ergebnissen zufolge kann sich eine Politik zur Modernisierung Deutschlands aber auf breite gesellschaftliche Unterstützung für zusätzliche öffentliche Investitionen stützen. Das 2025 beschlossene Sondervermögen ist damit politisch anschlussfähiger, als häufig angenommen wird.
Zugleich dürfte das Sondervermögen allein kaum ausreichen. Schätzungen zum öffentlichen Investitionsbedarf gehen weiterhin von einer erheblichen Finanzierungslücke aus – selbst dann, wenn die vorgesehenen Mittel konsequent investiv eingesetzt werden. Die im Koalitionsvertrag vorgesehene Reform der Schuldenbremse, die kreditfinanzierte öffentliche Investitionen auch nach Ausschöpfung des Sondervermögens für Infrastruktur und Klimaneutralität ermöglichen soll, hat daher nichts an Dringlichkeit verloren.
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