Nachhaltigkeitsbericht – ein Wort, 22 Buchstaben, aber diverse Ausprägungen. Der Jahresabschluss mit Bilanz und Gewinn- und Verlustrechnung ist ein streng geregeltes Rechenwerk. Nachhaltigkeitsberichte sind dagegen eher eine Wundertüte: Weltweit berichten viele Unternehmen heute über Themen wie Treibhausgasemissionen und Mitarbeitendenzufriedenheit, aber nur wenige etwa über Artenvielfalt und Chemikalieneinsatz.

Während die einen mit Zahlen und Fakten um sich werfen, bemühen andere wohlklingende Prosa, die sich weder vergleichen noch über Jahre verfolgen lässt. Genau das soll sich mit der EU-Richtlinie CSRD ändern, die hunderte einheitlicher Kennzahlen vorschreibt – vom Wasserverbrauch bis zum Frauenanteil im Top-Management. In Deutschland ist sie, Stand Sommer 2026, noch nicht geltendes Recht, wird aber im Laufe des Jahres erwartet.

Mit einem Team der LMU München und der Universität zu Köln haben wir uns gefragt: Was stand eigentlich schon vor der schärferen Regulierung zur Nachhaltigkeit in den Berichten – und wo klaffen die Lücken? In einer kürzlich in Nature Communications erschienenen Studie haben wir dafür 2,9 Millionen Nachhaltigkeitsindikatoren aus den Geschäfts- und Nachhaltigkeitsberichten der 600 größten EU-Börsenunternehmen für die Jahre 2014 bis 2023 ausgewertet.

Kein Mensch liest diese 9.000 Berichte mit 1,7 Millionen Seiten in Gänze – bei zwei Minuten je Seite ununterbrochenen Lesens verbrächte man damit 6,5 wertvolle Lebensjahre. Deshalb haben wir ein KI-System auf Basis eines großen Sprachmodells (Llama-3.1-70B-Instruct) auf diese Aufgabe angesetzt. Dabei haben wir die deutlich detaillierteren CSRD-Anforderungen rückwirkend als Analyseraster angelegt.

Mehr Offenheit – und die Nachzügler holen auf

Das Ergebnis: Die Unternehmen legten 2023 im Schnitt 52,4 Prozent mehr Indikatoren offen als 2014. Besonders aufschlussreich ist, wer dabei aufgeholt hat. Unternehmen mit schwacher Nachhaltigkeitsperformance berichteten 2014 noch 39,4 Prozent weniger Kennzahlen als die besten zehn Prozent; bis 2023 war dieser Abstand auf 6,8 Prozent geschrumpft. Nachhaltigkeitsleistung und Transparenz nähern sich also an.

Auffällig ist dabei ein Muster: Unternehmen verbessern sich vor allem dort, wo Transparenz eingefordert wird – also bei den Kennzahlen, die im Rampenlicht stehen. Das ist eine gute Nachricht für all jene, die auf öffentlichen und regulatorischen Druck als Hebel setzen. Aber: Transparenz allein ist nicht Zweck an sich. Berichtsangaben allein senken noch keine Emissionen.

Klimadaten: Nachhaltigkeitsfortschritt und Transparenzeffekt in einer Zahl

Bei den Klimadaten selbst ist die Bilanz differenziert positiv. Die direkten Emissionen aus der eigenen Produktion sind im Durchschnitt deutlich gesunken, der Anteil erneuerbarer Energien hat sich nahezu verdoppelt. Gleichzeitig sind die berichteten indirekten Emissionen entlang der Wertschöpfungskette (sog. Scope 3) um mehr als das Fünffache gestiegen.

Das klingt zunächst nach einer Verschlechterung, ist aber vor allem ein Transparenzeffekt: Vor zehn Jahren haben nur wenige Unternehmen solche Lieferkettenemissionen überhaupt beziffert; hätte man sie damals aufaddiert, wäre eine vergleichsweise kleine Zahl herausgekommen. Heute berichten fast alle Unternehmen dazu – entsprechend höher fällt die Summe aus, ohne dass die tatsächlichen Emissionen pro Unternehmen gestiegen sein müssen.

Wer den Fortschritt der Transformation beurteilen will, muss also Nachaltigkeitstransparenz und -performance sauber auseinanderhalten.

Soziale Indikatoren: Fortschritt neben Rückschritt

Über die eigene Belegschaft berichten Unternehmen erstaunlich gerne – Mitarbeitendenzufriedenheit und Arbeitsunfälle etwa tauchen in den allermeisten Berichten auf. Zu Umweltverschmutzung und Biodiversität erfährt man dagegen deutlich weniger. Auch bei den Ergebnissen selbst zeigt sich ein gemischtes Bild: Der Frauenanteil in Top-Managementpositionen ist um 9,2 Prozentpunkte gestiegen.

Gleichzeitig hat sich die Lücke zwischen Vorstandsvergütung und dem Medianlohn der Belegschaft seit 2014 mehr als verzwölffacht. Beide Zahlen stammen oft aus denselben Berichten – ein Beleg dafür, dass Nachhaltigkeit kein einheitlicher Fortschrittspfad ist, sondern ein Bündel unterschiedlicher Zielkonflikte, das Unternehmen je nach öffentlichem und regulatorischem Druck ungleich adressieren.

Was das für die CSRD-Debatte heißt

Für die Umsetzung der CSRD lassen sich daraus vorsichtige, aber konkrete Schlüsse ziehen.

Erstens: Einheitliche, granulare Kennzahlen wirken – zumindest bei der Offenlegung, die notwendige Vorstufe jeder Steuerung. Der Aufholprozess der schwächeren Performer wäre ohne den Erwartungsdruck vergleichbarer Standards kaum erklärbar, und die Alternative – rein freiwillige Berichterstattung – bleibt tendenziell dünn und uneinheitlich, eben eine Wundertüte.

Zweitens: Nicht jede zusätzliche Kennzahl schafft automatisch mehr Aussagekraft. Gerade bei Lieferkettenemissionen braucht es Zusatzwissen, um Erfassungseffekte von echten Trends zu unterscheiden – ein Punkt, den auch die praktische Ausgestaltung der CSRD berücksichtigen sollte, wenn sie Aussagekraft erhalten will, statt nur Meldeaufwand zu produzieren.

Drittens: Man muss aufpassen, dass die Berichtspflichten Unternehmen nicht überfordern, gerade kleinere. Der Nutzen vergleichbarer Daten rechtfertigt nicht jeden Detaillierungsgrad um seiner selbst willen.

Offene Daten als Beitrag zur Versachlichung

Kein Mensch liest 9.000 Berichte mit 1,7 Millionen Seiten. Genau deshalb braucht es Kennzahlen, die man vergleichen, über Jahre verfolgen und an Zielen messen kann – wohlklingende Prosa allein reicht dafür nicht. Ob die CSRD am Ende zu viel oder zu wenig verlangt, wird die politische Debatte entscheiden müssen.

Damit sich diese Fragen künftig auf einer breiteren empirischen Basis diskutieren lassen, stellen wir unseren vollständigen Datensatz und Code im Rahmen der Open-Science-Initiative Sustainability Reporting Navigator kostenfrei zur Verfügung.

Bisher mussten Auswertungen dieser Art bei kommerziellen Anbietern teuer eingekauft werden, und unsere Daten sind mitunter detaillierter als das, was es dort zu kaufen gibt. Aufsichtsbehörden, Investor:innen und NGOs können damit Unternehmen systematisch vergleichen und zur Rechenschaft ziehen.

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