Die Industrie ist von herausragender Bedeutung für Wohlstand, Beschäftigung und die Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse in Deutschland. Dies erklärt auch die hitzigen politischen Diskussionen um die Frage, ob sich derzeit eine umfassende Deindustrialisierung vollzieht. Eine neue Studie im Auftrag der Bertelsmann Stiftung zeigt nun: Die Mehrzahl der Industriebranchen ist gemessen an der Wachstumsdynamik ihrer Produkte grundsätzlich innovativ und anpassungsfähig. Vor allem bei der größten deutschen Industrie, der Automobilbranche, sind die Probleme allerdings deutlich erkennbar.

Eine Growth-Share-Matrix berechnet erstmals für Deutschland, wie zukunftsträchtig die 23 Einzelbranchen in der Industrie produzieren. Überwiegt der Anteil der Produktgruppen in der Produktion, die im Zeitraum von 2019 bis 2024 sehr stark gewachsen sind (zum Beispiel E-Fahrzeuge), findet sich die Branche rechts in der Matrix wieder. Überwiegen hingegen stark geschrumpfte Produktgruppen (wie etwa Heizöl), dann wird die Branche links eingeordnet. Oben (unten) in der Matrix befinden sich die Branchen mit einer aktuell hohen (niedrigen) wirtschaftlichen Bedeutung.

Statistisches Bundesamt; Berechnungen des ifo Instituts

Die Matrix zeigt, dass sich die deutsche Industrie auf den Weg gemacht hat und viele Branchen ihre Geschäftsmodelle an veränderte Kundenpräferenzen und regulatorische Anforderungen angepasst haben. Denn rund 76% der Wertschöpfung in der Industrie entfällt auf die Branchen, in denen zukunftsträchtige Produktgruppen mit starkem Wachstum dominieren (rechts der Mitte).
In einzelnen Branchen zeigen sich dagegen ambivalente Entwicklungen. Während im Maschinenbau und in der Chemieindustrie die stark wachsenden Produktgruppen überwiegen, stellen die Zahlen die Krise der Automobilindustrie unter Beweis: stark wachsende Produkte, etwa bei E-Autos, können das Gewicht des schrumpfenden Verbrenner-Segments nicht kompensieren.
Ebenfalls zeigt sich, dass die Hochtechnologiebranchen des Verarbeitenden Gewerbes, die Pharmaindustrie und die Fertigung von Halbleitern (in der Grafik: H. v. DV-Geräten, elektron. u. opt. Erzeugnissen) ein besonders zukunftsträchtiges Produktionsportfolio aufweisen. Perspektivisch wird die wirtschaftliche Bedeutung dieser Branchen daher höchstwahrscheinlich stark steigen.
Erstaunlich ist zudem die dynamische Entwicklung vieler Niedrigtechnologiebranchen wie der Herstellung von Papier- und Pappwaren oder der Herstellung von Getränken. Diese Branchen können offensichtlich mit einer schnellen Anpassung an sich verändernde Kundenbedürfnisse, etwa der zunehmenden Präferenz für alkoholfreie Biere, punkten.

Die Politik sollte auf die tiefe Krise in der Automobilindustrie angesichts ihrer großen Bedeutung für Deutschland mit Kaufanreizen für europäische E-Autos reagieren. Auch am weiteren Ausbau der entsprechenden Infrastruktur führt kein Weg vorbei. Angesichts der starken Schrumpfung der Produktionswerte von Verbrenner-Komponenten und -Fahrzeugen erscheint eine Rückkehr zum konventionellen Antriebsstrang dagegen wenig vielversprechend. Auch für andere Bereiche können neben der Stärkung der Standortbedingungen durchaus auch branchenspezifische Instrumente hilfreich sein. So können Finanzhilfen für die Halbleiterfertigung die dynamische Branche noch stärker an Deutschland binden. Solche Subventionen sollten allerdings an eine sorgfältige Einzelfallprüfung der Vor- und Nachteile sowie Gegenleistungen in Form von Standort- und Jobgarantien gekoppelt sein, um die Risiken für den Fiskus sowie die regionale Wirtschaft zu minimieren. Generell sollten branchenspezifische Wirtschaftspolitiken stärker europäisch koordiniert werden, um Schaden vom gemeinsamen Binnenmarkt abzuwenden und einen Subventionswettlauf zumindest innerhalb Europas zu vermeiden.