Leere Schaufenster, verwaiste Einkaufspassagen, verkehrsberuhigte Zonen, in denen außer ein paar Kettenshops, ein paar Imbissen und Friseuren nicht mehr allzu viel los ist. Das kennen viele – leider gut. Aber hier schlummert ein großes ungenutzte Potenzial für mehr Nachhaltigkeit im Konsum.
Wie dieses Potenzial zu heben sein könnte, haben wir im Projekt SONa – „Stadtzentren als Orte nachhaltigen Konsums“ – ausprobiert. Zusammen mit Kolleginnen und Kollegen vom Wuppertal Institut, adelphi und dem Umweltbundesamt haben wir nicht im stillen Kämmerlein Konzepte geschrieben, sondern drei Pilotstädte begleitet, die konkrete Ideen in die Tat umgesetzt haben.
Wandel erproben
In Duisburg entstand ein Pop-up-Store unter dem Motto Nachhaltig made by Duisburg – mitten in der Innenstadt, in einem Ladenlokal, das vorher leer stand. Nicht hochglanzpoliert, nicht für ein urbanes Hipster-Publikum gemacht, sondern für die Menschen, die dort tatsächlich einkaufen gehen.
In Schwentinental hat die Kleidertauschbörse TauschRausch bewiesen, dass Tauschen nicht nur Spaß machen kann, sondern zum Plauschen und Stöbern einlädt.
Und in Würzburg wurde im Zukunftshaus erprobt, wie ein nachhaltiger Liefer- und Abholservice aussehen könnte.
Was wir gelernt haben
Das Spannende am Experimentieren ist, dass die Ergebnisse selten das sind, was man erwartet. Eine Erkenntnis aus dem Projekt ist: Erfolgreiche Innenstadtprojekte sind kein Produkt einer einzelnen tollen Maßnahme. Sie entstehen aus dem Zusammenspiel vieler Faktoren: politischem Rückhalt, ämterübergreifender Zusammenarbeit und, nicht zu unterschätzen, einer Person, die sich wirklich kümmert.
Das klingt banal. Ist es aber nicht. Denn genau an diesem Punkt scheitern die meisten Vorhaben. Nicht am Geld, nicht an der Idee. Sondern daran, dass niemand da ist und die Fäden zusammenhält und sich kümmert.
Und dann ist da noch das Thema Leerstand – die vielleicht brennendste Frage für Innenstädte in Deutschland. Was tun mit den Flächen, die niemand mehr mieten will, weil die Mieten zu hoch, die Lagen zu veraltet oder die Konzepte der Eigentümerinnen und Eigentümer zu wenig zukunftsorientiert sind? In unserem begleitenden Policy Paper haben wir uns genau das angeschaut:
Anmietungsfonds – also kommunale Töpfe, die Gründerinnen und Gründern bei der Anmietung von Gewerbeflächen finanziell unter die Arme greifen – haben ein echtes Potenzial. Der Haken: Bisher spielen soziale und ökologische Kriterien bei der Vergabe dieser Mittel kaum eine Rolle. Hier liegt eine riesige Chance ungenutzt auf dem Tisch.
Nachhaltiger Konsum: kein Nice-to-Have
Wir müssen aufhören, nachhaltigen Konsum als Lifestyle-Thema für Besserverdienende zu behandeln. Leihen statt kaufen, tauschen statt wegwerfen, reparieren statt ersetzen – das sind keine Luxusoptionen. Das sind Modelle, die funktionieren, wenn sie dort angeboten werden, wo die Menschen sind. Und die Menschen sind in den Innenstädten. Oder sie waren es – und könnten es wieder sein.
Unsere Pilotprojekte haben gezeigt: Wenn nachhaltige Angebote attraktiv, niedrigschwellig und sichtbar sind, kommen die Leute. Nicht aus Pflichtbewusstsein, sondern weil es sich lohnt. Weil es Gemeinschaft ist und Spaß macht.
Eine Kleidertauschbörse ist kein politisches Statement – sie ist ein Treffpunkt. Das ist der Schlüssel: Aufenthaltsqualität. Wer in eine Innenstadt geht und dort Möglichkeiten vorfindet, sich aufzuhalten, sich zu treffen, etwas ohne Konsumzwang zu erleben, kommt wieder.
Was dafür gebraucht wird
Konkret brauchen wir (mehr) Experimentierräume. Städte und darin agierende Akteure müssen die Möglichkeit haben, Dinge auszuprobieren, ohne sofort rechtssicher alles geklärt zu haben. Reallabore, temporäre Nutzungen, Pop-up-Formate – das sind keine Behelfslösungen, das sind Zukunftsinstrumente.
Wir brauchen Förderprogramme, die wirklich ankommen und nicht im Bürokratiedschungel versanden. Und wir brauchen Anmietungsfonds, die an Nachhaltigkeitskriterien geknüpft sind – damit nicht einfach irgendein Laden in ein leerstehendes Ladenlokal zieht, sondern einer, der die Transformation mitgestaltet.
Wir forschen seit vielen Jahren zu Nachhaltigkeit und Stadtentwicklung. Selten hat uns ein Projekt so begeistert. Nicht, weil alles perfekt gelaufen ist, sondern weil wir gesehen haben, wie viel Energie und Tatendrang in Städten steckt, wenn man ihnen ein Möglichkeitsfenster bietet.
Die Innenstadt der Zukunft ist kein Shoppingcenter. Sie ist ein Ort des Erlebens, des Austauschs, der sozialen Teilhabe. Ein Ort, an dem man nicht nur konsumiert, sondern auch repariert, tauscht, teilt. Und ein Ort, der das alles so selbstverständlich anbietet, dass man gar nicht mehr groß darüber nachdenken muss.
Weitere Informationen finden Sie hier.
Weitere Beiträge zum Thema auf unserem Blog:
Mission (im)possible? Klimaneutralität in 100 europäischen Städten bis 2030 von Réka Bátor, Bertelsmann Stiftung
Stadtentwicklung: Wie Kommunen den Einsatz von KI gestalten können von Lisa Dreier und Dr. Karoline Krenn, Deutsches Institut für Urbanistik
Kreislauffähiger Konsum: Hürden verstehen und abbauen von Dr. Kathleen Jacobs, Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie
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