Deutschland hat sich, wie viele andere europäische Länder auch, dazu verpflichtet, innerhalb der nächsten Jahrzehnte klimaneutral zu werden. Eine wichtige Frage bleibt jedoch offen: Wie lässt sich feststellen, ob die Transformation in zentralen Bereichen wie Energie, Verkehr und Wärme tatsächlich voran kommt?

Die gängigste Antwort lautet: Treibhausgasemissionen überwachen. Zwar ist die Messung von Emissionen zweifellos wichtig, allerdings sind Emissionsreduktionen allein nicht unbedingt ein Indikator für Fortschritte auf dem Weg zu einer vollständig dekarbonisierten Wirtschaft. Der Ersatz von Kohle durch Gas beispielsweise senkt zwar kurzfristig die Emissionen, bringt das System aber nicht in Richtung Klimaneutralität.

Umgekehrt haben viele Veränderungen, die für den Übergang zur Netto-Null-Emissionswirtschaft unerlässlich sind – wie der Ausbau der Stromnetze, die Entwicklung von Speicherkapazitäten oder die Reform von Vorschriften –, möglicherweise nur geringe unmittelbare Auswirkungen auf die Emissionen.

Wer den Blick ausschließlich auf die Emissionen richtet, kann nicht feststellen, ob die Voraussetzungen für eine erfolgreiche Dekarbonisierung tatsächlich geschaffen.

Passende Indikatoren finden – eine Herausforderung

Bestehende Ansätze zur Überwachung des Fortschritts der Energiewende lassen sich oft in zwei Kategorien einteilen.

  • Regierungen und Analysten stützen sich stark auf eine kleine Anzahl von Ergebnisindikatoren, insbesondere auf Treibhausgasemissionen und den Einsatz erneuerbarer Technologien.
  • Einige nationale und internationale Überwachungsrahmen umfassen Hunderte von Indikatoren, die ökologische, wirtschaftliche und soziale Dimensionen abdecken. Solche Rahmenwerke sind zwar umfassend, lassen sich jedoch nur schwer umsetzen und kommunizieren, was ihre Nützlichkeit für die regelmäßige politische Überwachung und Entscheidungsfindung einschränkt.

Gefragt ist also ein Ansatz, der ganzheitlich genug ist, um die systemische Natur von Transformationsprozessen zur Klimaneutralität zu erfassen, und gleichzeitig einfach genug bleibt, um länder- und sektorübergreifend einheitlich angewendet zu werden.

Es geht nicht darum, möglichst alles zu messen, sondern zu erkennen, ob die zentralen Voraussetzungen für eine erfolgreiche Transformation geschaffen werden. Dies ist besonders wichtig, da der derzeitige Übergang zur Klimaneutralität viel schneller vonstattengehen muss als frühere Energiewenden und die gesamte Wirtschaft einbezieht.

Regierungen benötigen daher praktische Instrumente, die es ihnen ermöglichen, regelmäßig zu beurteilen, ob Fortschritte im erforderlichen Tempo erzielt werden, sich mit Partnerländern abzustimmen und ihre Politik entsprechend anzupassen.

Weit mehr als neue Technologien gefordert

Der Klimawandel erfordert weit mehr als nur den Einsatz neuer Technologien. Er verlangt koordinierte Veränderungen in den Bereichen Infrastruktur, Regulierung und langfristige Planung.

Auf der Grundlage von Forschungsergebnissen zum Thema Nachhaltigkeitswandel und in Zusammenarbeit mit Experten aus fünf europäischen Ländern haben wir einen Rahmen entwickelt, um zu beurteilen, ob diese umfassenderen systemischen Veränderungen tatsächlich stattfinden.

Anstatt nur zu fragen, ob die Emissionen sinken, untersucht der Bewertungsrahmen, ob die notwendigen Voraussetzungen für nachhaltige Fortschritte auf dem Weg zur Netto-Null-Emissionswirtschaft entstehen.

Unser Rahmen bewertet den Fortschritt der Transformation anhand von fünf Dimensionen:

Ziele und strategische Ausrichtung: Verfügen die Länder über glaubwürdige langfristige Dekarbonisierungsziele und sektorspezifische Strategien, die mit der Klimaneutralität im Einklang stehen?

Ausstieg aus kohlenstoffintensiven Systemen: Werden fossile Technologien verdrängt? Zu den relevanten Indikatoren zählen die Kohlenstoffintensität und die abnehmende Rolle fossiler Brennstoffe im System.

Einsatz CO₂-freier Alternativen: Werden erneuerbare Technologien und andere kohlenstoffarme Lösungen im erforderlichen Tempo eingesetzt? Diese Dimension berücksichtigt auch, ob sich die Kosten weiterhin zugunsten CO₂-freier Technologien entwickeln.

Anpassung der Infrastruktur: Werden Stromnetze, Speichersysteme und andere unterstützende Infrastrukturen angepasst, um zunehmend dekarbonisierte Systeme zu unterstützen?

Institutionelle und regulatorische Anpassung: Werden Marktregeln, Planungsrahmen und Steuerungsmechanismen weiterentwickelt, um neuen Technologien und Energieverbrauchsgewohnheiten Rechnung zu tragen?

Zusammengenommen vermitteln diese Aspekte ein umfassenderes Bild davon, ob der Übergang zur Klimaneutralität voranschreitet oder ob sich versteckte Engpässe abzeichnen.

Über den Tellerrand blicken: Lehren aus EU-Ländern

Die Anwendung dieses Rahmens auf die Energiewende in Dänemark, Norwegen, Deutschland und dem Vereinigten Königreich zeigte ein auffälliges Muster. Länder schneiden bei traditionellen Indikatoren wie dem Ausbau erneuerbarer Energien und der Emissionsminderung oft relativ gut ab. Doch diese Ergebnisindikatoren allein können wichtige Schwachstellen verschleiern, die künftige Fortschritte untergraben könnten.

Am Beispiel Deutschlands ist diese Herausforderung klar zu erkennen: Das Land hat erhebliche Fortschritte beim Ausbau der Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien und bei der Emissionsminderung erzielt.

Der Ausbau der Infrastruktur und die Anpassung der Regulierung haben jedoch nicht immer mit diesen Entwicklungen Schritt gehalten. Zunehmende Netzengpässe, Einspeisebeschränkungen für erneuerbare Energien und Phasen mit negativen Strompreisen deuten auf wachsende Spannungen zwischen dem bestehenden System und den Anforderungen einer stark auf erneuerbare Energien ausgerichteten Zukunft hin.

Dänemark bietet ein anderes Bild. Das Land hat nicht nur seine Abhängigkeit von Kohle drastisch reduziert – von mehr als 90 Prozent der Stromerzeugung im Jahr 1990 auf heute weniger als 10 Prozent –, sondern auch seine Infrastruktur und Planungsrahmen angepasst, um die weitere Beschleunigung zu unterstützen. Die Netzplanung ist auf den künftig steigenden Strombedarf ausgerichtet, anstatt lediglich auf den aktuellen Bedarf zu reagieren. Dies macht Dänemarks ehrgeizige Dekarbonisierungsziele wesentlich glaubwürdiger.

Der Vergleich lässt vermuten, dass die entscheidenden Hindernisse für weitere Fortschritte möglicherweise nicht nur technologischer Natur sind. In vielen Fällen sind emissionsfreie Technologien bereits wirtschaftlich wettbewerbsfähig. Die Herausforderung besteht zunehmend darin, sicherzustellen, dass sich Infrastrukturen, Institutionen und Vorschriften schnell genug weiterentwickeln, um mit dem technologischen Wandel Schritt zu halten.

Was das für Deutschland bedeutet

Die Beobachtung systemischer Indikatoren ist nicht nur eine akademische Übung. Sie hat direkte Auswirkungen auf Wettbewerbsfähigkeit, Energiesicherheit und Investitionssicherheit.

Unternehmen benötigen vorhersehbare Rahmenbedingungen für Investitionsentscheidungen. Regierungen benötigen Frühwarnsysteme, die sich abzeichnende Umsetzungslücken aufzeigen, bevor sie zu Krisen eskalieren. Auch die Gesellschaft profitiert von Transformationsprozessen, die verlässlich, transparent und wirksam gestaltet werden.

Verzögerungen bei der Infrastrukturentwicklung, der Anpassung von Vorschriften oder institutionellen Reformen können den Übergang verlangsamen, selbst wenn die Emissionen zunächst weiter sinken. Abzuwarten, bis diese Engpässe in den Leitindikatoren sichtbar werden, kann sich als kostspielig erweisen.

Bessere Überwachungssysteme können daher politischen Entscheidungsträgern helfen, Engpässe früher zu erkennen, Reformen zu priorisieren und aus Erfolgen andernorts zu lernen. Sie können auch den länderübergreifenden Erfahrungsaustausch erleichtern, indem sie Bereiche aufzeigen, in denen einige Länder bereits wirksame Lösungen für gemeinsame Herausforderungen gefunden haben.

Für Deutschland bedeutet dies, über die Frage hinauszugehen, ob die Emissionen sinken. Besser wäre, zu fragen, ob das Land die systemischen Voraussetzungen schafft, die notwendig sind, um den Fortschritt in den kommenden Jahrzehnten aufrechtzuerhalten und zu beschleunigen.

Vom Blick auf Emissionen zur Steuerung der Transformation

Die nächste Phase der Klimapolitik besteht nicht mehr primär darin, neue Ziele zu formulieren. Die entscheidende Herausforderung liegt heute in der Umsetzung. Dafür müssen Regierungen beurteilen können, ob die Transformation in den verschiedenen Sektoren tatsächlich mit der erforderlichen Geschwindigkeit voranschreitet.

Was gemessen wird, beeinflusst politische Prioritäten. Wenn politische Entscheidungsträger ausschließlich die Emissionsentwicklung im Blick haben, besteht die Gefahr, dass entscheidende Voraussetzungen für den langfristigen Erfolg der Transformation übersehen werden.

Die Entwicklung systemischerer Ansätze zur Beobachtung des Transformationsfortschritts ist daher nicht nur eine technische Aufgabe. Sie ist eine Voraussetzung für eine wirksame Klimapolitik, für die Sicherung der Wettbewerbsfähigkeit Europas und letztlich dafür, langfristige Klimaziele in konkrete und umsetzbare Transformationspfade zu übersetzen.

Für einen wettbewerbsfähigen Zukunftsstandort Deutschland reicht es daher nicht aus, allein auf Emissionen zu schauen. Entscheidend ist, ob die infrastrukturellen, institutionellen und regulatorischen Voraussetzungen geschaffen werden, die eine erfolgreiche Transformation langfristig ermöglichen.

Die zentrale Frage lautet somit nicht, ob die Emissionen sinken, sondern ob die Bedingungen geschaffen werden, die Klimaneutralität langfristig ermöglichen.

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