In einer Zeit tiefgreifender gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Veränderungen sind Teilhabe, Chancengerechtigkeit und Diversität nicht nur politische Schlagworte, sondern zentrale Herausforderungen für unsere Gesellschaft. Der Podcast Lost in Transformation von Erdal Ugur Atlaci widmet sich seit längerem dem Zusammenspiel von Organisationskultur, sozialen Dynamiken und strukturellem Wandel.
Innerhalb dieser spannenden Reihe sind drei Folgen entstanden, die im Rahmen der Initiative Gründen ohne Grenzen produziert wurden – unterstützt von der Bertelsmann Stiftung. Diese Folgen zeichnen ein vielschichtiges Bild davon, wie Gründungserfolg, gesellschaftliche Teilhabe und unternehmerische Sichtbarkeit auch gegen strukturelle Hindernisse möglich werden.
Gründen ohne Grenzen Teil 1: Zwischen Flucht, Klassismus und Kapital
Die erste der drei Folgen führt uns in das Leben von Sıddık Turhalli, dessen Lebensweg wie ein Brennglas gesellschaftlicher Barrieren wirkt: Aufgewachsen als Kind einer kurdischen Familie, erlebt er früh Flucht, soziale Unsicherheit und kulturelle Ausgrenzung.
Sein Weg in die deutsche Startup- und Investmentwelt ist nicht geradlinig, sondern geprägt von strukturellem Klassismus, mangelnden Netzwerken und kulturellen Hürden – zugleich aber von Durchhaltevermögen und dem Willen, sich selbst in einem Gefüge zu positionieren, das sonst eher homogen besetzt ist.
Was diese Folge besonders macht, ist nicht nur die persönliche Geschichte Turhallis, sondern die kritische Auseinandersetzung mit dem finanziellen und sozialen Zugang zum Gründungskapital. Obwohl Menschen aus marginalisierten Milieus großes kreatives Potenzial mitbringen, bleiben sie oft unsichtbar im Standard-VC-System, das eher in Richtung „Similarity Bias“ tendiert – also Investitionen in Personen, die stereotyp dem engen Bild eines Startup-Gründers entsprechen.
Die Folge fordert damit dazu auf, traditionelle Denkmuster über Erfolg, Kapital und Gründerlegenden zu hinterfragen und öffnet einen Perspektivraum, in dem Diversität als Wettbewerbsvorteil verstanden wird. Wir freuen uns, dass Siddik als Botschafter für Gründen ohne Grenzen anderen Gründenden Mut macht.
Gründen ohne Grenzen Teil 2: Zwischen Inklusion, Innovation und Empathie
Die zweite Folge fokussiert auf Seneit Debese und ihre Idee hinter Greta & Starks, einer App-Lösung zur barrierefreien Nutzung von Kino-Inhalten für Menschen mit Seh- oder Hörbeeinträchtigungen. Debese hat als Alleinerziehende ohne große Ressourcen und mit wenig technischem Hintergrund eine digitale Lösung geschaffen, die heute in mehr als einem Dutzend Ländern genutzt wird
Die Stärke dieser Folge liegt in der Verknüpfung von Innovationsgeist und empathischer Problemlösung: Hier wird deutlich, wie inklusives Denken nicht nur die Teilhabe marginalisierter Gruppen verbessert, sondern auch eine Form wirtschaftlicher Innovation darstellt. Sie zeigt, wie gesellschaftliche Bedürfnisse – etwa nach inklusive Kulturangebote – auf kreative Art und Weise mit technologischen Lösungen verknüpft werden können, wenn Menschen mit diesen Bedürfnissen selbst an der Entwicklung beteiligt sind.
Zugleich thematisiert Debese die psychologischen Herausforderungen beim Unternehmertum: Wie motiviert man sich in einem Umfeld, das einem nicht zwangsläufig gleichberechtigte Chancen bietet? Wie vermittelt man Visionen, die zunächst nicht in traditionelle Business-Canvas-Modelle passen? Antworten auf diese Fragen machen die Folge zu einem Lehrstück über Empathie, Mut und kreative Neuausrichtung.
Gründen ohne Grenzen Teil 3: Wenn Zugang der Schlüssel ist – mit Lucy Larbi
In der dritten Folge geht es um Lucy Larbi, Unternehmensberaterin, Unternehmerin und Co-Founder von AiDiA – einer Plattform, die wirtschaftliche Sichtbarkeit speziell für afrodeutsche Gründer:innen schafft. Larbi zeigt: Zugang zu Kapital und Ressourcen ist nicht einfach ein logistisches Hindernis – er ist tief verwoben mit Identität, repräsentativen Strukturen und Selbstwahrnehmung.
Larbi erzählt, wie sie mit AiDiA eine Community geschaffen hat, die nicht nur technischen Zugang zu Tools und Finanzierung erleichtert, sondern auch eine kulturelle Heimat für unterrepräsentierte Gründer:innen bildet. Ihre Perspektive betont, dass Sichtbarkeit mehr ist als nur ein Platz am Verhandlungstisch – sie schafft psychosoziale Sicherheit und ein Bewusstsein für den eigenen Wert, das oft Voraussetzung für unternehmerischen Erfolg ist.
Diese Folge eröffnet einen Blick auf Unternehmertum, der über klassisches Gründungsvokabular hinausgeht und soziale Identität als entscheidenden Faktor für Gründungserfolg anerkennt.
Fazit: Transformation braucht Vielfalt – und konkrete Unterstützung
Gemeinsam zeigen diese drei Folgen, wie die Initiative Gründen ohne Grenzen, die von der Bertelsmann Stiftung unterstützt wurde, nicht nur narratives Potenzial bietet, sondern konkrete Einblicke in strukturelle Probleme und Lösungsansätze der Gründungswelt. Die Podcast-Folgen werfen ein Licht auf ein Thema, das in deutschen Startup-Narrativen oft zu kurz kommt: Nämlich dass Chancengerechtigkeit und Zugang nicht nur Vertriebsslogans sind, sondern konkrete Lebensrealitäten formen.
Diese Podcasts sind inspirierend, weil sie Widersprüche nicht beschönigen, sondern als Ausgangspunkt für kreative und inklusive Veränderungen begreifen. Sie erinnern uns daran: Transformation beginnt dort, wo wir Barrieren erkennen, Perspektiven teilen und gemeinsam Wege finden, diese zu überwinden.
Kommentar schreiben