Klimaneutralität oder Net Zero: Das ist die Strategie, die Politik und Wirtschaft aktuell als Zielzustand deklarieren. Aber was genau ist damit gemeint und wie soll diese bilanzielle Klimaneutralität erreicht werden?

Und viel wichtiger noch: Reicht Klimaneutralität aus, um die ökologische Multikrise zu adressieren, die sich diesen Sommer durch zunehmende Temperaturen und Extremwetterereignisse ins Bewusstsein drängt?

Keine Belege für die Entkopplung von Wirtschaft und Ressourcen

Es lohnt sich hier nachzufassen. Denn die Botschaft, die viele aus dem Ziel der Klimaneutralität ziehen, ist folgende: Wir können den ökologischen Kollaps abwenden, wenn wir nur effizienter produzieren. Und wenn wir für unvermeidbare Emissionen zum Beispiel Ausgleichsflächen mit Aufforstungsmaßnahmen auf anderen Kontinenten kaufen.

In der makroökonomischen Forschung gibt es allerdings kaum Belege für eine tatsächliche Entkopplung der Wirtschaft von Umweltauswirkungen und Ressourcenverbrauch.

Ein bilanzielles Ausgleichen von Schäden greift also zu kurz. Der Anspruch wirtschaftlicher und menschlicher Aktivität sollte vielmehr die Wiederherstellung und Verbesserung sozialer und ökologischer Systeme sein. Kurzum: Es sollte ein größerer Fokus auf das Verstehen von Erholungsprozessen der Erdsysteme sowie das Unterstützen dieser Prozesse gelegt werden.

Die Menschheit lebt im roten Bereich

Die Notwendigkeit eines Wandels wird mit einem Blick auf die Entwicklung der verschiedenen Erdsysteme deutlich, die durch das Konzept der planetaren Grenzen beschrieben werden. Die Grenzen repräsentieren zentrale Erdsysteme – wie etwa Klima,  Biodiversität, Süßgewässer und Ozeane. Und diese Grenzen repräsentieren den Rahmen, in denen die Erdsysteme stabil und widerstandsfähig bleiben.

Das Überschreiten der planetaren Grenzen erhöht das Risiko teils abrupter und unumkehrbarer Umweltveränderungen. Diese Risiken, etwa das Schmelzen der Polkappen oder massive Verluste der Biodiversität, gefährden wiederum die Lebensgrundlagen der Menschheit.

Ein internationales Forschungsteam um Katherine Richardson zeigt, dass bereits 2023 sechs der neun planetaren Grenzen deutlich überschritten waren, in 2025 sind es bereits sieben der neun Grenzen. Die Menschheit lebt im roten Bereich.

Regeneratives Wirtschaften

Eine Rückkehr in den sicheren Handlungsraum innerhalb der planetaren Grenzen ist jedoch nur möglich, wenn sich die bereits geschädigten Erdsysteme regenerieren können. Die Schlüsselfrage ist damit: Wie muss sich unser Wirtschaften verändern, um zur Regeneration der Erdsysteme beizutragen? Hier setzt das Konzept des regenerativen Wirtschaftens an.

Dafür ist es zunächst wichtig, den Unterschied zwischen Regeneration und Restauration zu verstehen. Restauration erfolgt “von außen”: Man versucht etwas wiederherzustellen, ein System “künstlich” zurück in einen gesunden Zustand zu bringen (etwa durch Aufforstung von Brachflächen).

Regeneration erfolgt hingegen auf der Basis systemimmanenter Mechanismen “von innen” und ist eine “funktionale Selbst-Erneuerung”.

Restauration und Regeneration

Eine Schlüsselbotschaft des regenerativen Wirtschaftens ist, dass system-externe Akteure die regenerativen Prozesse nicht erschaffen. Sie können lediglich durch Restauration die systemischen Bedingungen dafür schaffen, dass sich Regeneration von selbst entfalten kann. Anschließend müssen Praktiken gefunden werden, die den Systemerhalt auf Basis der systemeigenen Prozesse ermöglichen.

Der Ansatz des regenerativen Wirtschaftens kann daher als Kombination von Ansätzen der Restauration und Regeneration verstanden werden. Daraus folgt: Es braucht ein umfassendes Wissen über die Systemabläufe vor Ort. Denn sowohl Restauration als auch Regeneration kann nur am Wirkungsort stattfinden, da sich die spezifischen Gegebenheiten und Wechselwirkungen nur dort unmittelbar beeinflussen lassen.

Planetare Grenzen als Systemgrenzen

Neben der Unterscheidung zwischen Restauration und Regeneration ist für das regenerative Wirtschaften die Anerkennung der planetaren Grenzen als Systemgrenzen zentral. Daraus folgt, dass sich ein regeneratives Wirtschaftssystem innerhalb des sicheren Handlungsrahmens der planetaren Grenzen bewegt.

Aus der Beobachtung intakter Ökosysteme folgt die Erkenntnis, dass ein (natürliches) System natürliche Wachstumsgrenzen hat, selbst wenn es sich kontinuierlich regeneriert. Damit steht dieses Systemverständnis im Gegensatz zu kontinuierlichem Wachstum, welches in den meisten Wirtschaftssystemen angestrebt wird.

Allerdings ist regeneratives Wirtschaften bisher kein vollständig ausgearbeitetes Konzept. Eine allgemein akzeptierte Definition fehlt bislang. Auch das Verhältnis zu anderen Debatten ist noch ungeklärt wie zur Effizienz, Green Growth, Steady State Economy, Post Growth, Degrowth, Suffizienz.

Unterschiede zu herkömmlichen Ansätzen

Doch es gibt ein Hauptunterscheidungsmerkmal zu herkömmlichen Ansätzen: die Abkehr von der bloßen Schadensvermeidung bei wirtschaftlichen Aktivitäten und die Hinwendung zu einer Wiederherstellung und Verbesserung sozialer und ökologischer Systeme. Dies unterscheidet Regenerative Wirtschaften sowohl vom Business-as-usual als auch von Konzepten wie grünem Wachstum oder anderen Formen der “schwachen” Nachhaltigkeit.

Der wesentliche Unterschied zwischen starker und schwacher Nachhaltigkeit besteht darin, dass bei starker Nachhaltigkeit die politischen und wirtschaftlichen Systeme in den Fokus der Veränderung gerückt werden und die Natur für ihren “intrinsischen” Wert anerkannt wird.

Regeneratives Wirtschaften knüpft somit an Nachhaltigkeitsansätze wie „Earth Stewardship“ an, die häufig im globalen Süden vertreten werden, indem es die Pflege von Beziehungen, Fürsorge und das Wohlbefinden von Menschen und Natur in den Mittelpunkt stellt.

Was heißt das für die Praxis?

Der Einstieg ins regenerative Wirtschaften ist ein Perspektivwechsel: Organisationen verstehen sich nicht mehr als isolierte Steuerungsinstanzen, sondern sind eingebettet in sozial-ökologische Systeme mit wechselseitiger Abhängigkeit.

Daraus folgt ein neues Zielbild für wirtschaftliche Akteure: Eher zum Wohlergehen von Natur und Gesellschaft durch das eigene Handeln beizutragen, als diese zu beeinträchtigen. Das unternehmerische Wertversprechen richtet sich damit nicht allein an Kund:innen aus, sondern gleichermaßen an Natur, Gesellschaft, Mitarbeitenden, Lieferanten, Investoren und künftigen Generationen.

Ansätze aus der Kreislaufwirtschaft

Für die operative Umsetzung können Ansätze der Kreislaufwirtschaft als Startpunkt genutzt werden. Die Kreislaufwirtschaft soll Umweltschäden und Abfall durch verschiedene Strategien vermeiden. Etwa sollen Materialien durch Wiederverwendung, Reparatur, Aufarbeiten und Recycling etc. möglichst lange genutzt und im Kreislauf gehalten werden.

Während die Kreislaufwirtschaft praktische Tools liefert, gibt das regenerative Wirtschaften einen übergeordneten Rahmen. Das systemische Verständnis, insbesondere das Anerkennen der planetaren Grenzen, begrenzt negative Rebound-Effekte. Sie treten zuweilen bei der Umsetzung von zirkulären Strategien auf – etwa wenn Ressourceneinsparungen gleichzeitig zu erhöhter Produktion führen, was die erzielten Einsparungen überkompensiert.

Da bisherige Anstrengungen beim Klima-, Ressourcen- und Artenschutz nicht ausreichen, bietet das regenerative Wirtschaften neue Impulse und eine optimistische Vision, die Kooperation und Innovation stärken kann – vereint im Ziel, die Wirtschaft zurück in die planetaren Grenzen zu führen.

Um zu testen, wie diese Prinzipien in der unternehmerischen Praxis genutzt werden können, entwickelt das Wuppertal Institut gemeinsam mit Praxisakteuren ein Innovationstool: der CE:FIRE Innovation Journey , welches Unternehmen bei der Erschließung regenerativer, zirkulärer und frugaler Innovationspotenziale unterstützt. Die Veröffentlichung zur kostenlosen und eigenständigen Nutzung erfolgt voraussichtlich Ende 2026/ Anfang 2027.

Diese Publikation wurde teilweise im Rahmen des Projektes CE:FIRE  erstellt, welches kofinanziert von der Europäischen Union und dem Ministerium für Umwelt, Naturschutz und Verkehr des Landes Nordrhein-Westfalen gefördert wird.

Weitere Beiträge zum Thema auf unserem Blog:

Paradigmenwechsel in der Transformation: Warum Kreislaufwirtschaft mehr ist als bessere Effizienz von Paul Schmidhäuser, Fraunhofer IPA

Warum eine Nachhaltigkeitsstrategie nicht reicht. Und Unternehmen eine nachhaltige Strategie brauchen von Birgit Wintermann, Bertelsmann Stiftung und Robert Metzke, Telekom

Warum wir nicht nur auf CO₂ blicken sollten, wenn wir die Transformation voranbringen wollen von Dr. Germán Bersalli, RIFS