von den DIW-Forschenden Sonja Dobkowitz, Daniel Graeber, Franziska Holz, Claudia Kemfert, Alexander Kriwoluzky, Georg Maxton, Laura Schmitz und Kristin Trautmann

Deutschland versteht sich gern als Vorreiter der nachhaltigen Transformation. Und tatsächlich hat es in den vergangenen Jahrzehnten erhebliche Fortschritte gegeben: Technologien sind effizienter geworden, Produktionsprozesse sauberer, erneuerbare Energien wettbewerbsfähiger.

Doch eine ehrliche Nachhaltigkeitsbilanz darf nicht an der Landesgrenze enden. Denn ein großer Teil dessen, was wir konsumieren, wird längst anderswo produziert – mit Umweltbelastungen, die in klassischen nationalen Statistiken oft unsichtbar bleiben.

Deutschland überschreitet sechs von sieben planetaren Grenzen

Genau hier liegt die zentrale Erkenntnis einer aktuellen Analyse des DIW Berlin: Wird nicht nur die inländische Produktion betrachtet, sondern der gesamte Konsum entlang globaler Lieferketten, überschreitet Deutschland in sechs von sieben untersuchten Umweltkategorien seit Jahrzehnten die planetaren Belastungsgrenzen.

Das gilt unter anderem für Klimawandel, Feinstaub, fossile und mineralische Ressourcennutzung, Landnutzung und photochemische Ozonbildung. Lediglich bei der Wassernutzung liegt Deutschland rechnerisch innerhalb der Grenze, allerdings mit einer Verschlechterung über die Zeit.

Deutschland importiert ökologische Lasten

Diese Ergebnisse sind unbequem, aber wichtig. Denn sie zeigen: Nachhaltigkeitspolitik, die nur auf die Produktion im Inland schaut, greift zu kurz. Sie kann den Eindruck von Fortschritt erzeugen, obwohl ein Teil der Umweltbelastungen lediglich in globale Wertschöpfungsketten verlagert wird. Deutschland importiert nicht nur Güter, sondern auch ökologische Lasten.

Besonders deutlich wird dies beim Vergleich von im Inland und im Ausland produzierten Konsumgütern. Die Umweltbelastungen, die durch importierte Produkte für den Konsum in Deutschland entstehen, sind in allen untersuchten Kategorien höher als jene aus inländischer Produktion.

Zwar sinkt die Umweltintensität – also die Umweltbelastung pro ausgegebenem Euro – sowohl im Inland als auch im Ausland. Technologischer Fortschritt findet also statt. Doch er reicht nicht aus, um den Effekt steigender Konsummengen und wachsender Importanteile auszugleichen. Vereinfacht gesagt: Wir produzieren vielerorts effizienter, konsumieren aber zu viel und zu ressourcenintensiv.

Soziale Marktwirtschaft braucht mehr als Effizienzgewinne

Das ist eine zentrale wirtschafts- und gesellschaftspolitische Herausforderung. Denn eine nachhaltige und wettbewerbsfähige Soziale Marktwirtschaft braucht mehr als Effizienzgewinne. Sie braucht eine realistische Messung dessen, was Wohlstand tatsächlich kostet – ökologisch, sozial und ökonomisch.

Wenn Umweltbelastungen nur dort gezählt werden, wo produziert wird, nicht aber dort, wo konsumiert wird, entsteht ein verzerrtes Bild. Dann können Länder ihre nationale Bilanz verbessern, während sie zugleich durch Importe weiterhin hohe globale Umweltbelastungen verursachen.

Für Deutschland als offene, einkommensstarke Volkswirtschaft ist diese Erkenntnis besonders relevant. Unser Wohlstand beruht auf tiefen internationalen Verflechtungen. Das ist ökonomisch eine Stärke, macht aber auch deutlich: Nachhaltigkeit kann nicht allein national gedacht werden. Wer glaubwürdige Transformation will, muss Lieferketten, Handelsstrukturen und Konsummuster in den Blick nehmen.

Drei politische Konsequenzen

Daraus folgen drei politische Konsequenzen.

Erstens braucht Deutschland konsumbasierte Nachhaltigkeitsindikatoren. Die deutsche Nachhaltigkeitsstrategie sollte nicht nur erfassen, welche Emissionen und Umweltbelastungen im Inland entstehen, sondern auch jene, die durch den deutschen Endverbrauch weltweit ausgelöst werden. Nur dann wird sichtbar, ob wir tatsächlich nachhaltiger wirtschaften, oder ob wir Umweltprobleme lediglich verlagern. Eine glaubwürdige Politik braucht eine ehrliche Datengrundlage.

Zweitens müssen lieferkettenbezogene Politikinstrumente gestärkt werden. Der europäische CO₂-Grenzausgleichsmechanismus ist ein wichtiger Schritt, aber er bleibt bislang sektoral begrenzt und konzentriert sich vor allem auf Treibhausgase. Die DIW-Analyse zeigt jedoch, dass Umweltbelastungen viel breiter gedacht werden müssen: Es geht auch um Ressourcenverbrauch, Landnutzung, Luftverschmutzung und weitere ökologische Belastungen. Auch die europäische Lieferkettenrichtlinie kann hier eine wichtige Rolle spielen, wenn sie Umweltwirkungen entlang der gesamten Wertschöpfungskette wirksam adressiert. Nachhaltigkeit darf nicht an der Werkstorgrenze enden – und auch nicht an der EU-Außengrenze.

Drittens müssen Umfang und Zusammensetzung des Konsums stärker in den Fokus rücken. Technologischer Fortschritt ist unverzichtbar, aber allein nicht ausreichend. Wenn Effizienzgewinne durch steigenden Konsum aufgezehrt werden, bleibt die Umweltbilanz schlecht. Deshalb braucht es zirkuläre Geschäftsmodelle, längere Produktlebensdauern, Reparaturfähigkeit, Recycling, ressourcenschonendes Design und den Abbau umweltschädlicher Subventionen. Kreislaufwirtschaft ist kein Nischenthema, sondern ein zentraler Wettbewerbsfaktor für die Zukunft.

Keine Verzichtspolitik, sondern Modernisierung

Dabei geht es nicht um Verzichtspolitik, sondern um kluge Modernisierung. Eine Wirtschaft, die weniger abhängig von fossilen Ressourcen, knappen Rohstoffen und fragilen Lieferketten ist, wird resilienter. Die fossile Energiekrise hat gezeigt, wie verletzlich ein Wirtschaftsmodell ist, das auf externen Abhängigkeiten und scheinbar billigen Ressourcen basiert. Nachhaltigkeit ist deshalb kein Kostenfaktor, sondern eine Voraussetzung für Zukunftsfähigkeit.

Das gilt auch für Unternehmen. Wer frühzeitig in klimafreundliche Produktion, ressourceneffiziente Prozesse und transparente Lieferketten investiert, stärkt seine eigene Resilienz. Denn je knapper Rohstoffe werden, je volatiler fossile Energiepreise bleiben und je stärker Umweltkosten politisch adressiert werden, desto wichtiger werden ressourcenschonende Produktionsweisen. Nachhaltigkeit wird damit vom Zusatzkriterium zu einem zentralen Standort- und Wettbewerbsfaktor.

Klimasorgen nehmen zu

Zugleich zeigen die Daten zu Klimasorgen in Deutschland, dass die Bevölkerung die Risiken des Klimawandels zunehmend ernst nimmt. Klimasorgen wachsen seit 2013 in allen Altersgruppen, nicht nur bei jungen Menschen. Das ist politisch bedeutsam. Es zeigt, dass es gesellschaftliche Spielräume für entschlossene Klimapolitik gibt, wenn sie sozial gerecht, nachvollziehbar und verlässlich ausgestaltet wird. Menschen erwarten keine Symbolpolitik, sondern wirksame Lösungen.

Die zentrale Botschaft lautet daher: Deutschland braucht eine Transformation, die ehrlich misst, global denkt und sozial gestaltet. Es reicht nicht, nationale Emissionen zu senken, wenn gleichzeitig Umweltbelastungen über Importe ausgelagert werden. Es reicht nicht, effizienter zu produzieren, wenn der Ressourcenverbrauch weiter steigt. Und es reicht nicht, Nachhaltigkeit als Zusatzaufgabe zu behandeln, wenn sie längst zur Grundlage wirtschaftlicher Resilienz geworden ist.

Ein zukunftsfähiger Standort Deutschland entsteht nicht durch das Festhalten am alten fossilen und ressourcenintensiven Wirtschaftsmodell. Er entsteht durch saubere Energie, Kreislaufwirtschaft, innovative Geschäftsmodelle, faire Lieferketten und eine Politik, die ökologische Grenzen ernst nimmt. Nur wenn Wohlstand innerhalb planetarer Grenzen organisiert wird, kann er dauerhaft gesichert werden.

Weitere Beiträge zum Thema auf unserem Blog:

Kreislauffähiger Konsum: Hürden verstehen und abbauen von Dr. Kathleen Jacobs, Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie

Verhaltensanreize für weniger Fleischkonsum: Wie wirksam ist Nudging tatsächlich? von Isabel Schäufele-Elbers, Freie Universität Bozen

Twin Transformation: Mehr Wettbewerbsfähigkeit durch Digitalisierung und Nachhaltigkeit von Prof. Dr. Maximilian Röglinger, Fraunhofer FIt und Prof. Dr.-Ing. Frank Döpper, Fraunhofer IPA