Der Industriestandort Deutschland steht vor einer vielschichtigen arbeitsmarkt- und industriepolitischen Herausforderung. Während in einzelnen Branchen – insbesondere in der Automobil- und Zulieferindustrie – Stellen abgebaut werden, besteht in anderen Bereichen weiterhin ein erheblicher Bedarf an qualifizierten Ingenieurinnen und Ingenieuren. Besonders hoch ist der Fachkräftebedarf im Bauwesen, in Informatikberufen, in der Energie- und Elektrotechnik sowie im Maschinen- und Anlagenbau.

Dadurch entsteht ein arbeitsmarktpolitisches Paradox: Fachkräftepotenziale gehen in schrumpfenden Tätigkeitsfeldern verloren, während sie in wachsenden Bedarfsbereichen dringend benötigt werden.

Fachkräftemangel: Demografischer Wandel und fehlende Qualifikation

Gleichzeitig verändern technologische Entwicklungen die Anforderungen an Ingenieurtätigkeiten grundlegend. Künstliche Intelligenz, Automatisierung, Elektrifizierung der Infrastruktur und vernetzte Produktionssysteme führen dazu, dass bestehende Kompetenzprofile immer schneller angepasst und erweitert werden müssen. Der Fachkräftemangel ist daher nicht allein eine Frage fehlender Köpfe, sondern auch eine Frage passender Qualifikationen.

Verschärft wird diese Entwicklung durch den demografischen Wandel. In den kommenden zehn Jahren werden rund 315.000 Ingenieur- und IT-Fachkräfte in den Ruhestand gehen. Damit sinkt nicht nur das verfügbare Erwerbspersonenpotenzial, es droht auch der Verlust von Erfahrungswissen, Systemverständnis und eingespielten Problemlösungskompetenzen.

Zusammengenommen können diese Entwicklungen die Innovations- und Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands erheblich schwächen. Langfristig besteht die Gefahr, dass industrielle Strukturen verloren gehen, die sich später nur schwer wieder aufbauen lassen.

Berufliche Qualifikation zentraler Hebel für Wettbewerbsfähigkeit

Berufliche Qualifikation sowie Up- und Re-Skilling sind somit zentrale Hebel, um Innovationsfähigkeit, Beschäftigung und Wettbewerbsfähigkeit in Deutschland zu sichern. Sie ermöglichen es, Beschäftigte aus schrumpfenden Tätigkeitsfeldern gezielt für neue Aufgabenprofile und wachsende Bedarfsbereiche zu qualifizieren.

Damit werden sie zu einer strategischen Voraussetzung dafür, dass Deutschland bei Schlüsseltechnologien nicht nur Anwender bleibt, sondern technologische Souveränität zurückgewinnt und wieder stärker zum Taktgeber wird.

In der VDI-Studie Qualifikation für Innovation wird Re-Skilling als Erwerb neuer Fähigkeiten für neue Tätigkeitsbereiche verstanden, ohne dies zwingend mit einem vollständigen Wechsel des Berufsfelds gleichzusetzen. Qualifikation dient als Oberbegriff für unterschiedliche Formen beruflicher Weiterbildung.

Die Studie zeigt, wie groß der Weiterbildungsbedarf inzwischen ist: Rund 80 Prozent der Befragten gehen davon aus, dass sie ihre Kompetenzen in den kommenden drei Jahren deutlich erweitern müssen, um beruflich erfolgreich zu bleiben. Dieser Befund ist bemerkenswert, weil er alters- und branchenübergreifend gilt. Weiterbildung ist damit keine individuelle Kür mehr, sondern eine strukturelle Notwendigkeit.

Gründe für Qualifizierungsdruck

Besonders aufschlussreich sind die Gründe für diesen Qualifizierungsdruck. Der technologische Fortschritt ist laut Studie der mit Abstand wichtigste Treiber des Qualifikations- und Re-Skilling-Bedarfs. Danach folgen Wettbewerbsdruck durch veränderte Kundenanforderungen sowie gesetzliche und regulatorische Vorgaben (vgl. Abb. 1).

Abbildung 1: Top 4 der ausschlaggebenden Gründe für hohen Re-Skilling-Bedarf

Abbildung 1: Top 4 der ausschlaggebenden Gründe für hohen Re-Skilling-Bedarf

Innerhalb der technologischen Treiber sticht vor allem KI heraus: Sie wird als wichtigste Schlüsseltechnologie mit besonders hohem Weiterbildungsbedarf genannt (vgl. Abb. 2). Dabei geht es nicht nur darum, KI-Tools anzuwenden, sondern auch um Datenverständnis, Machine Learning und die Fähigkeit, KI-Systeme für die industrielle Produktion weiterzuentwickeln.

Gerade darin zeigt sich, wie eng Qualifizierung mit der Zukunftsfähigkeit des Standorts verknüpft ist: Nur wenn ausreichend Fachkräfte über genau diese Kompetenzen verfügen, kann Deutschland seine Innovationskraft in strategisch relevanten Technologiefeldern ausbauen und internationale Wettbewerbsfähigkeit zurückgewinnen.

Abbildung 2: Bitte geben Sie technologische Schlüsselkompetenzen an, für die Sie in Ihrer Branche einen besonders hohen Weiterbildungsbedarf sehen. Auszug TOP-4 aus insgesamt 16 Items (Auswahl von max. vier Antworten, n = 1.358).

Abbildung 2: Bitte geben Sie technologische Schlüsselkompetenzen an, für die Sie in Ihrer Branche einen besonders hohen Weiterbildungsbedarf sehen. Auszug TOP-4 aus insgesamt 16 Items (Auswahl von max. vier Antworten, n = 1.358).

Die Befragung zeigt, dass die Bereitschaft zur Qualifikation vorhanden ist. Berufliche Qualifikation scheitert jedoch nicht an fehlender Motivation, sondern an den Rahmenbedingungen. Viele Befragte nennen fehlende Zeit im Arbeitsalltag, hohe Kosten und mangelnde Transparenz auf dem Weiterbildungsmarkt als zentrale Hürden (vgl. Abb. 3).

Abbildung 3: Schon heute gibt es viele Weiterbildungsangebote. Was sind die größten Hindernisse, diese zu nutzen? Auszug TOP-4 aus insgesamt 7 Items.

Abbildung 3: Schon heute gibt es viele Weiterbildungsangebote. Was sind die größten Hindernisse, diese zu nutzen? Auszug TOP-4 aus insgesamt 7 Items.

Up- und Re-Skilling als gesellschaftliche Notwendigkeit

Up- und Re-Skilling bleibt in vielen Unternehmen reaktiv, statt als strategische Investition verstanden zu werden.
Eine zentrale Schlussfolgerung der Studie lautet deshalb: Berufliche Qualifikation und Re-Skilling müssen von allen Akteuren als gesellschaftliche Notwendigkeit verstanden werden – im Sinne des lebenslangen Lernens. Der Wandel des Arbeitsmarkts ist zu dynamisch, um mit einmal erworbenen Abschlüssen auszukommen. Lernen muss zum Normalfall im Erwerbsleben werden.

Empfehlungen für die Politik

Für die Politik bedeutet das, verlässliche und einfache Rahmenbedingungen zu schaffen. Dazu gehören steuerliche Anreize für Unternehmen, die in berufliche Qualifikation und Re-Skilling investieren, einfachere Anerkennungsverfahren für Qualifikationen, finanzielle Förderprogramme für Teilnehmende sowie bessere Beratungs- und Orientierungsangebote.

Ziel muss sein, Weiterbildung nicht bürokratisch zu erschweren, sondern systematisch zu erleichtern. Zugleich braucht es eine Qualifizierungspolitik, die gezielt auf jene Kompetenzen ausgerichtet ist, die für Deutschlands technologische Spitzenposition in strategischen Zukunftsfeldern entscheidend sind.

Empfehlungen für Unternehmen

Für Unternehmen heißt es, Qualifizierung strategisch zu verankern. Weiterbildung sollte von der Geschäfts- und Technologiestrategie hergedacht werden – nicht erst dann, wenn Personalabbau droht. Nötig sind alltagstaugliche Lernformate, feste Lernzeiten während der Arbeitszeit, finanzielle Unterstützung und klare Karriereperspektiven nach erfolgreichem Re-Skilling.

Gerade für KMU sind pragmatische, arbeitsintegrierte Formate entscheidend. Ebenso wichtig ist eine echte Lernkultur, in der Führungskräfte Weiterbildung aktiv unterstützen. Wer heute gezielt in Kompetenzen investiert, sichert nicht nur Fachkräfte, sondern auch die eigene Innovationsfähigkeit in Schlüsseltechnologien.

Empfehlungen für Arbeitskräfte

Für Individuen bedeutet lebenslanges Lernen, die eigene berufliche Entwicklung aktiver zu gestalten. Dazu gehören Offenheit für Neuorientierung, ein realistischer Blick auf übertragbare Kompetenzen und die Bereitschaft, auch branchenübergreifend zu denken. Persönliche Kompetenzprofile, Transferberatung, Microlearning und Microcredentials können helfen, neue Wege sichtbar und machbar zu machen.

Berufliche Qualifikation als Zukunftsstrategie

Berufliche Qualifikation und Re-Skilling sollten nicht nur als Reparaturinstrument für Krisenbranchen, sondern als eine Zukunftsstrategie für den Standort Deutschland verstanden werden.

Der Aufbau neuer Kompetenzen und die Anpassung an veränderte berufliche Anforderungen sind eine gemeinsame Aufgabe von Wirtschaft, Politik, Bildungseinrichtungen, Institutionen sowie den Individuen. Wenn Qualifikationsmaßnahmen gut aufeinander abgestimmt werden, kann dies zu einer zentralen Brücke zwischen technologischem Wandel, Wettbewerbsfähigkeit und Beschäftigungsperspektiven werden.

Die Studie ist im Rahmen der VDI Initiative Zukunft Deutschland 2050 entstanden. Methodisch kombiniert die Studie Experteninterviews mit Vertreterinnen und Vertretern aus Unternehmen, Verbänden und Beratung, eine Onlinebefragung unter 1.358 VDI-Mitgliedern, ein Expertenpanel und eine Abschlussdiskussion.

Die Ergebnisse aus Interviews, Befragung und Expertendiskussion wurden anschließend zusammengeführt und entlang eines 5-Ebenen-Modells ausgewertet, das gesellschaftliche, regulatorische, ökonomische, individuelle und technologische Faktoren zusammendenkt.