Der Text ist ursprünglich als Gastbeitrag im Tagesspiegel Background am 21.04.2026 erschienen.
Deutschlands Industrie investiert – aber zu wenig und zu ungleich verteilt. Während große Traditionsbranchen an Dynamik verlieren, senden kleinere Hightech-Bereiche positive Signale. Ohne neue Impulse und einen stärkeren Fokus auf Hochtechnologie könnte sich das Niedrigwachstum in Deutschland zementieren, warnen Daniel Schraad-Tischler und Oliver Falck.
Die Investitionszurückhaltung in Deutschland ist kein Zufall, sondern Ausdruck struktureller Standortprobleme: Hohe Bürokratie- und Energiekosten, Fachkräfteknappheit, Abgabenlast und politische Unsicherheiten lassen Unternehmen bei Investitionen zögern. Die private Investitionstätigkeit ist bereits seit Jahren zu schwach, um das Wachstumspotenzial zu sichern. 2024 lagen die Unternehmensinvestitionen real auf dem Niveau von 2015. Nach einer kurzen Erholung nach der Pandemie stagnieren sie – seit 2023 sind sie sogar rückläufig.
Das ist keine Randnotiz, zumal in Ländern wie den USA, Großbritannien oder Frankreich die Investitionen steigen. Private Investitionen bestimmen den Kapitalstock – und damit das Produktionspotenzial. Wenn dieser Motor stottert, kann die Volkswirtschaft nicht dynamisch wachsen – erst recht nicht in einer stark alternden Gesellschaft.
Das Potenzialwachstum dürfte daher mittelfristig bei kaum mehr als einem halben Prozent liegen. Aktuelle Daten verheißen keine Trendwende: Für 2025 melden in fast allen Industriebranchen mehr Unternehmen sinkende als steigende Investitionen.
Flaute erwischt Forschung, Entwicklung und Mitteltechnologien
Der negative Saldo gilt dabei auch für Investitionen in Forschung und Entwicklung – kein gutes Zeichen für eine innovationsbasierte Wirtschaft. Besonders problematisch ist die schwache Dynamik bei den traditionellen Schwergewichten Automobilindustrie und Maschinenbau. Sie zählen zum Mitteltechnologiesegment, bleiben aber aufgrund ihres Volumens zentral für Wertschöpfung und Export. Ihre Investitionskraft zu stärken, muss wirtschaftspolitische Priorität sein.
Gleichzeitig entstehen neue Impulse in Hochtechnologiebranchen wie der Pharma-Industrie oder der Halbleiter-Produktion. Dort sind Investitionsquoten hoch, auch ausländische Direktinvestitionen konzentrieren sich überproportional auf diese Bereiche.
Doch ihr Anteil am Gesamtvolumen ist zu gering: Rund 10 Prozent der Investitionen entfallen auf Hightech, 68 Prozent auf Midtech. Deutschland investiert also – aber die dynamischsten Segmente haben noch nicht das Gewicht, die Schwäche der großen Industrien auszugleichen. Neben der schwachen Gesamtinvestitionstätigkeit begrenzt die Konzentration auf Mitteltechnologie-Branchen Deutschlands Wachstumspotenzial.
Verlässlicher Rahmen für klimaneutrale Produktion gebraucht
Wer diese Diagnose ernst nimmt, braucht eine klare Strategie: Neben investitionsfreundlichen Rahmenbedingungen für bestehende Unternehmen sind Ansätze gefragt, die disruptive Innovationen insbesondere in Hightech-Branchen fördern und ihre Diffusion beschleunigen. Hierzu sechs Vorschläge:
Erstens: Investitionen müssen sich wieder stärker rechnen. Neben hohen Abgaben wirken komplexe Regulierung und lange Genehmigungsverfahren wie ein Risikoaufschlag. Planungs- und Genehmigungsprozesse müssen deutlich beschleunigt und vereinfacht werden.
Zweitens: Transformationsinvestitionen – etwa in klimaneutrale Produktion – erfordern einen verlässlichen Rahmen über Jahre hinweg. Unternehmen brauchen Planungssicherheit bei Steuern, Energie- und Förderpolitik. Ein verbindlicher Transformationsfahrplan würde Investitionen beschleunigen, anstatt sie zu blockieren. Zugleich sollte Europa strategisch bedeutsame Innovationsprojekte und Infrastrukturen – etwa über IPCEI („Important Projects of Common European Interest“) – konsequenter fördern.
Drittens: Private Investitionen setzen leistungsfähige öffentliche Infrastruktur voraus. Verkehrswege, digitale Netze und eine stabile Energieversorgung sind eine Grundvoraussetzung, um Deutschlands dezentrale Industriestruktur als Standortvorteil zu stärken.
Viertens: Die relativen Stärken im Hightech-Bereich müssen systematisch ausgebaut werden. Wachstumsorientierte Technologieunternehmen benötigen Zugang zu großen Finanzierungsvolumina. Eine europäische Kapitalmarktunion und bessere Bedingungen für Wachstumskapital sind dafür zentral.
Gleichzeitig gilt es, technologiefernere kleine und mittlere Unternehmen stärker in Richtung Hightech zu bringen: Regionale Matching-Plattformen zwischen Mittelstand, Start-ups und Forschung können niedrigschwellige Zugänge zu Innovation ermöglichen und Investitionsanreize setzen. Der Wildwuchs bei Fördermöglichkeiten sollte reduziert werden.
Fünftens: Ohne grundlegende Strukturreformen bei weiteren Standortfaktoren bleibt jede Investitionsagenda Stückwerk: Bei Rente und sozialer Sicherung gilt es, den Anstieg der Beiträge zu begrenzen, unter anderem durch längere Lebensarbeitszeiten.
Um wettbewerbsfähige Strompreise langfristig zu sichern, ist ein zügiger Ausbau der erneuerbaren Energien, der Netze und Speicherkapazitäten ebenso wie eine stärkere Integration der europäischen Strommärkte entscheidend. Und um dem schrumpfenden Arbeitskräftepotenzial zu begegnen, braucht es Ansätze für mehr qualifizierte Zuwanderung, Weiterbildung und eine höhere Erwerbsbeteiligung von Frauen und Älteren.
Sechstens: Deutschlands wirtschaftlicher Erfolg beruhte lange auf Exporten von Autos und Maschinen. In einer Welt geopolitischer Rivalität und protektionistischer Industriepolitik wäre es fahrlässig, sich allein auf starke Nachfrage nach deutschen Produkten in China und Nordamerika zu verlassen. Umso wichtiger sind die Vertiefung des europäischen Binnen- und Kapitalmarkts sowie neue Freihandelsabkommen. Beides kann die Investitionen am heimischen Standort ankurbeln.
Gelingt diese Neuausrichtung, kann die Industrie wieder zu höherer Investitionsdynamik finden. Bleiben die Weichenstellungen aus, droht eine langfristige, strukturelle Stagnation.
Dr. Daniel Schraad-Tischler ist Direktor des Programms „Nachhaltige Soziale Marktwirtschaft“ bei der Bertelsmann Stiftung in Gütersloh.
Prof. Dr. Oliver Falck ist Leiter des ifo Zentrums für Innovationsökonomik und Digitale Transformation in München.
Kommentar schreiben