Der Text ist ursprünglich als Gastbeitrag in der neuen Ausgabe von forum future ecnomy erschienen.

Die Studie „Modell Deutschland Circular Economy“ (MDCE) des WWF zeigt: Im Bausektor liegen immense Potenziale für ressourcenschonendes Wirtschaften. Ausgeschöpft werden können diese nur, wenn Unternehmen und Politik diesen Wandel wollen und umsetzen.

„Zirkuläres Bauen ist technisch machbar, ökologisch dringend und ökonomisch möglich.”

 

Wie kann Deutschland bis 2045 seine Klimaziele erreichen, die Versorgung mit kritischen Rohstoffen sichern und dabei gleichzeitig Natur und Biodiversität schützen? Die Antwort liegt nicht nur in der Energie- oder Verkehrswende – sondern in einer fundamentalen Umgestaltung unserer Wirtschaftsweise hin zur Kreislaufwirtschaft. Und das betrifft besonders den Bausektor, einer der größten Verbraucher natürlicher Ressourcen. Allein 2020 wurden in Deutschland etwa 585 Millionen Tonnen mineralischer Rohstoffe für die Bauwirtschaft abgebaut – Tendenz steigend. Weltweit ist die Zementindustrie allein für rund sieben Prozent der anthropogenen Treibhausgasemissionen verantwortlich.

Im Bau liegt der Hebel – doch die Hindernisse sind groß

Die Studie zeigt: Durch Veränderungen in der Baubranche können bis 2045 jährlich rund 79 Millionen Tonnen CO₂- Emissionen und 179 Millionen Tonnen an Rohstoffen eingespart werden – was weit mehr ist als in jeder anderen Branche. Dazu empfiehlt sie zehn Maßnahmen für eine zirkuläre Bauwende:

1. Weniger Wohn- und Bürofläche pro Kopf:

Die größte Wirkung entfaltet die Kreislaufwirtschaft, wenn weniger Fläche neu verbaut wird und bestehende effizienter genutzt wird – etwa durch geteilte Nutzung, geteilten Wohnraum, die Umnutzung, Wiederbelebung leerstehender Gebäude oder flexible Wohnformen. Jeder eingesparte Quadratmeter senkt den Materialbedarf.

2. Wiederverwendung ganzer Bauteile:

Fenster, Türen, Träger oder Fassadenelemente lassen sich aus Rückbauprojekten gewinnen und in neuen Gebäuden verbauen – wenn Planung, Demontage und Lagerung darauf ausgerichtet sind.

3. Verlängerte Lebensdauer von Gebäuden:

Langlebige, anpassungsfähige Bauten mit modularer Struktur vermeiden Abriss und Neubau. Das erfordert nicht nur bessere Bauqualität, sondern auch eine neue Baukultur: Instandhaltung geht vor neu bauen.

4. Reduktion des Klinkeranteils in Ziegeln:

Die Herstellung von Klinker, also sehr robusten Ziegelsteinen, die bei besonders hohen Temperaturen (über 1.100 °C) gebrannt werden, ist besonders extrem energieintensiv. Ein Umstieg auf weniger gebrannte oder alternative Baustoffe wie Lehm oder Holz senkt die Emissionen deutlich.

5. Alternative Bindemittel bei Beton:

Zement ist einer der Hauptverursacher von CO₂-Emissionen im Bau. Durch die Substitution mit puzzolanischen oder geopolymeren Zusatzstoffen lässt sich die Klimabilanz massiv verbessern. Erstere sind silikatische Materialien, die den Beton dichter und haltbarer machen; letztere werden aus mineralischen Reststoffen hergestellt und härten zu einem besonders festen, hitzebeständigen und CO₂-armen Baustoff aus.

6. Nachwachsende Materialsubstitute:

Holz, Hanf, Stroh oder Zellulose bieten erneuerbare Alternativen zu mineralischen oder petrochemischen Baustoffen – oft mit zusätzlichem CO₂-Speichereffekt.

7. Weniger Baustahl durch intelligentes Design:

Tragwerksplanung kann den Materialeinsatz reduzieren, etwa durch bionische Formen, digitale Optimierung oder alternative Konstruktionen.

8. Reduzierter Einsatz von Strukturbeton:

Durch Leichtbauweise, hybride Tragwerke oder Materialien mit höheren Festigkeiten (z.B. Holz, Stahl, Faserverbundwerkstoffe) lässt sich der Einsatz von Beton signifikant senken.

9. Wiederverwendung von Baustahl:

Rückbau statt Abriss erlaubt den gezielten Ausbau und die Wiederverwendung von Stahlprofilen – inklusive Zertifizierung für die Wiederverwendung.

10. Zementrecycling:

Durch Trennung und Aufbereitung alter Betonstrukturen lässt sich Zement als sekundärer Baustoff zurückgewinnen und CO₂-intensiver Primärzement vermeiden.

Die Umstellung auf eine zirkuläre Bauwirtschaft scheitert jedoch weniger an Einsicht als an praktischen, regulatorischen und kulturellen Barrieren. Technisch fehlt es etwa an digitalen Gebäuderessourcenpässen, rechtlich an Kohärenz zwischen Bauplanungsrecht, Kreislaufwirtschaftsgesetz und Bauprodukteverordnung. Viele Prozesse bei Unternehmen und öffentlichen Auftraggebern sind weiterhin auf Neubau ausgerichtet – nicht auf Erhalt oder zirkuläre Sanierung. Die Qualität und Verfügbarkeit von Recyclingmaterialien ist oft unklar, was Ausschreibungen erschwert. Doch auch kulturelle Hemmnisse spielen eine Rolle: Zirkuläres Bauen verlangt nicht nur neue Technologien, sondern auch weniger Flächenverbrauch pro Person – ein tiefgreifender Wandel von Lebensstilen und Raumansprüchen. Diese Perspektive steht im Widerspruch zum aktuellen, westlichen Wohlstandsideal. Und für Unternehmen stellt die Wende eine wirtschaftliche Gratwanderung dar. Geschäftsmodelle, die auf Neubauvolumina setzen, geraten unter Druck. Zirkularität erfordert Investitionen in neue Technologien, Dienstleistungen und Erlösmodelle rund um Bestandspflege, modulare Sanierung oder Rückbau. Doch ein derartiger Umbau ist risikoreich – und kurzfristig oft weniger profitabel.

Politische Ambitionen sind da – jedoch halbherzig

Die im Dezember 2024 verabschiedete Nationale Kreislaufwirtschaftsstrategie (NKWS) widmet dem Bau- und Gebäudebereich deshalb auch ein ganzes Kapitel und setzt das Ziel, Primärrohstoffe zu sparen, Stoffkreisläufe zu schließen und den Fokus vom Neubau auf Sanierung, Rückbau und Wiederverwendung zu verlagern. Vorgesehen sind unter anderem digitale Ressourcenpässe, die Förderung zirkulärer Baustoffe und modularer Bauweisen. Doch ihre Umsetzung verlangt tiefgreifende Veränderungen in Planung, Ausschreibung und Geschäftsmodellen der Bauwirtschaft. Verbindliche Ziele oder „harte“ Instrumente wie eine Primärbaustoffsteuer sind in der NKWS nicht vorgesehen. Ob so Bewegung gelingt, muss die Umsetzung der Strategie zeigen. Auch der Koalitionsvertrag zwischen CDU und SPD erwähnt Kreislaufwirtschaft und Modellprojekte im Bau, bleibt jedoch vage in Bezug auf Umsetzungspflichten.

„Der Wandel braucht klare politische Impulse, wirtschaftliche Umstellungen in der Branche – und nicht zuletzt einen gesellschaftlichen Kulturwandel.”