Der Text ist ursprünglich als Gastbeitrag in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) am 20.12.2025 erschienen.
Die Angst vor der Deindustrialisierung Deutschlands ist berechtigt. Die Industrie steht unter hohem Druck – internationale Konkurrenz, überbordende Bürokratie, steigende Kosten. Doch Panik ist nicht angebracht. Die Masse industrieller Fertigung ist schließlich weniger ein Garant für langfristiges Wachstum als die Innovationskraft, die Produktivität und die Fähigkeit, technologische Fortschritte in Wertschöpfung zu übersetzen. Das ergibt ein deutlich differenzierteres Bild, und hier zeigen sich Chancen.
Deutschland hat einen wichtigen Standortvorteil: seine dezentrale, regional verankerte Industrielandschaft. Mittelständische Industriekerne in vielen Regionen sichern Beschäftigung und sorgen für den Aufbau technischer Kompetenzen, die auf dem Weltmarkt gefragt sind. Anders als stark konzentrierte Industriestandorte begünstigt dieses Gefüge eine breitere Prosperität und mehr Stabilität. Die Frage ist also: Wie kann diese Kraft genutzt werden, um im Bereich der Hochtechnologie Führungspositionen zu erringen oder zu halten?
Hier liegt die zentrale Herausforderung: Viele deutsche Branchen sind in Mitteltechnologien stark – Maschinenbau, Automobilzulieferer, Chemie. Die Innovationen in diesen Bereichen sind eher inkrementell und sichern den Fortbestand der Unternehmen. Die in der Hightech nötigen disruptiven Sprünge kommen so aber nicht zustande. Es droht die MidTech-Falle: solide Kompetenz, wenig Dynamik. Wie ließe sich nun die dezentrale industrielle Breite erhalten und ließen sich gezielt Hightech-Zweige mit hohem Zukunftspotenzial fördern?
Es kommt auf Sektoren an, die heute noch vergleichsweise klein sind, aber viel Zukunftspotenzial haben, insbesondere in den Bereichen Pharma, Halbleiterfertigung, Technologien zur Energiegewinnung und Dekarbonisierung. Solche Bereiche können durch geeignete Förderung zu Katalysatoren für Wertschöpfung und Beschäftigung werden.
Dazu sechs Vorschläge: Erstens sollte die dezentrale Industriebasis systematisch gestärkt werden. Noch immer sind manche industrielle Kerne in strukturschwachen Gebieten, es fehlen Verkehrsanbindungen, digitale Netze und passgenaue Bildungsangebote.
Zweitens braucht es eine missionsorientierte Innovationspolitik, mit der nicht die größten – und im politischen Willensbildungsprozess lautesten – Antragssteller die meiste Förderung bekommen, sondern die Unternehmen, die im Wettbewerb um Zukunftsthemen, also Leitmissionen, die besten Konzepte vorstellen. Bündelt man die staatlichen Mittel und etabliert dafür geeignete Märkte, so können wissenschaftliche Erkenntnisse in unternehmerische Erfolge übersetzt werden und damit auch auf politische Ziele wie die Dekarbonisierung einzahlen.
Drittens geht es nicht ohne innovationsfreundliche Kapitalmärkte und regulatorische Freiräume, die Experimente zulassen. Nur dann können aus technologischen Durchbrüchen auch Unternehmen mit dem nötigen Tempo erwachsen, um dann am Weltmarkt zu bestehen.
Viertens braucht es eine auf Transformation ausgerichtete Industriepolitik. Wird in erster Linie auf Strukturerhalt gesetzt, verschiebt man die Probleme nur in die Zukunft und verteuert den späteren Wandel. Wenn man aber jetzt auf Weiterbildung, Umschulung, aktive Arbeitsmarktinstrumente und einen klaren Rahmen für Veränderungen – etwa beim CO2-Preis – setzt, gestaltet man den Wandel aktiv.
Fünftens können strategische europäische Kooperationen bei Infrastruktur und Innovationen (IPCEIs) dabei helfen, schneller Skaleneffekte zu erzielen und Investitionen zu koordinieren. Dies würde auch die dringend nötige technologische Souveränität stärken und dabei helfen, neue Spezialisierungsvorteile im internationalen Wettbewerb zu erschließen.
Sechstens kann die Verbindung von Hightech-Clustern mit der industriellen Breite bei Innovationen der entscheidende Vorteil sein. Technologische Durchbrüche entstehen oft in spezialisierten Clustern; ihre volle Wirkung entfalten sie jedoch erst durch Diffusion in mittelständisch geprägte Regionen. Leistungsfähige Transferprogramme, Kooperationen zwischen Hochschulen, Forschungseinrichtungen, Startups und dem Mittelstand sowie regionale Innovationszentren können diese modernen Wirtschaftswunder ermöglichen.
Die Debatte um die Deindustrialisierung läuft momentan Gefahr, zu einer Abwehrbewegung zu verkommen. Will man dabei das aktuelle Branchengefüge erhalten, steht das einer dringend notwendigen Erneuerung im Weg. Besser wäre es, die vorhandene dezentrale Industrie als Ausgangspunkt zu nutzen und sie mit einer gezielten Hightech-Strategie zu verbinden. Den industriellen Strukturwandel wird man nicht stoppen können, dazu ist der Druck in einer globalisierten Welt zu groß und er wird weiter ansteigen. Noch gibt es aber gute Chancen, die Industrie grundlegend zu erneuern.
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