Deutschland diskutiert seit Jahren darüber, wie wir mehr und vor allem wachstumsstarke Start-ups hervorbringen können. Zahlreiche Start-up- und Gründungsreports, wie zuletzt der Next Generation Gründungsreport des Start-up Verbandes, verkünden immer neue Höchstzahlen an Gründungen. Das ist wichtig – aber es greift inzwischen zu kurz. Die eigentliche Herausforderung liegt heute nicht mehr darin, möglichst viele Unternehmen zu gründen. Die entscheidende Frage lautet vielmehr: Wie schaffen wir es, dass aus guten Ideen erfolgreiche, international wettbewerbsfähige Unternehmen werden, die hier wachsen und zu unserer nachhaltigen sozialen Marktwirtschaft beitragen?

Denn: Genau hier entscheidet sich, ob Deutschland auch künftig ein innovativer Wirtschaftsstandort bleibt.

Mit der ersten Start-up-Strategie der Bundesregierung wurden wichtige Weichen gestellt. Themen wie bessere Finanzierung, mehr Ausgründungen aus Hochschulen, Bürokratieabbau, Mitarbeiterkapitalbeteiligung oder internationale Sichtbarkeit stehen inzwischen auf der politischen Agenda. Das war ein wichtiger Schritt.

Doch inzwischen zeigt sich: Die richtigen Themen allein reichen nicht aus. Entscheidend ist ihre Umsetzung – und die fällt bislang zu langsam und zu wenig konsequent aus.

Das Problem ist nicht die Gründung – sondern das Wachstum

Neue Analysen des ZEW zeigen ein bemerkenswertes Bild: Deutschland verfügt über viele Unternehmensgründungen mit hohem Wachstumspotenzial. Trotzdem entstehen deutlich weniger Scale-ups, als eigentlich möglich wären.

Anders gesagt: Es mangelt nicht an innovativen Ideen. Es mangelt daran, ihnen den Weg zum Wachstum zu ebnen. Genau hier liegt der eigentliche Engpass des deutschen Innovationsstandorts.

Während andere Länder ihre Start-up-Politik zunehmend auf Skalierung ausrichten, diskutieren wir häufig noch über den Gründungsprozess selbst. Beides gehört zusammen – doch ohne erfolgreiche Wachstumsunternehmen bleiben viele Innovationen wirtschaftlich unter ihren Möglichkeiten.

Europa zeigt: Erfolgreiche Start-up-Politik hat ein klares Profil

Ein Blick in andere europäische Länder macht deutlich, dass es keine Patentlösung gibt. Aber es gibt erfolgreiche Prinzipien.

Frankreich verbindet seine Start-up-Politik eng mit Industriepolitik und technologischer Souveränität. Deep-Tech-Unternehmen werden gezielt begleitet und beim internationalen Wachstum unterstützt.

Estland beweist, wie viel ein digitaler Staat bewirken kann. Wer dort gründet, verbringt kaum Zeit mit Behörden und kann sich auf das eigentliche Geschäft konzentrieren.

Die Niederlande haben den Fokus konsequent auf Scale-ups gelegt. Kapital, Talent und internationale Expansion werden systematisch zusammengedacht.

Spanien und Portugal wiederum zeigen, dass Standortpolitik heute weit mehr bedeutet als Steuerrecht. Attraktive Visa-Regeln, Offenheit für internationale Talente und eine moderne Verwaltung gehören ebenso dazu.

Deutschland muss keines dieser Modelle kopieren. Aber wir sollten aus allen lernen.

Vier Hebel für mehr Wachstum

Wenn Deutschland international wettbewerbsfähige Technologieunternehmen hervorbringen will, braucht es vor allem vier Dinge.

Erstens: mehr privates Wachstumskapital. Gerade in Bereichen wie Künstliche Intelligenz, Biotechnologie oder Climate Tech benötigen junge Unternehmen Finanzierungsrunden, die heute häufig im Ausland stattfinden.

Zweitens: einen Staat, der Innovationen nicht nur fördert, sondern auch nachfragt. Öffentliche Beschaffung kann Start-ups wichtige Referenzkunden verschaffen – dieses Potenzial wird bislang kaum genutzt. Dies ist auch eine Aufgabe für bereits etablierte Unternehmen.

Drittens: schnellere Verfahren. Unternehmensgründungen, Genehmigungen oder Visa-Prozesse dürfen keine Wachstumsbremse sein. Ein innovationsfreundlicher Staat misst sich daran, wie einfach seine Regeln in der Praxis funktionieren.

Viertens: einen deutlich besseren Transfer von Forschung in wirtschaftliche Anwendung. Deutschland verfügt über exzellente Hochschulen und Forschungseinrichtungen. Daraus müssen häufiger erfolgreiche Unternehmen entstehen.

Start-up-Politik ist Standortpolitik

Besonders spannend ist dabei eine Erkenntnis, die in der öffentlichen Debatte oft untergeht: Erfolgreiche Innovationsstandorte entstehen nicht nur in den großen Metropolen.

Regionen wie Heidelberg, Jena oder Bonn zeigen eindrucksvoll, welche Rolle starke Hochschulen, Forschungseinrichtungen und regionale Innovationsnetzwerke spielen können. Deutschlands Stärke liegt gerade in dieser Vielfalt.

Eine moderne Start-up-Politik sollte deshalb nicht nur Berlin oder München im Blick haben, sondern gezielt regionale Innovationsökosysteme stärken und besser miteinander vernetzen. Eine Standortstärke liegt in unserer flächendeckenden mittelständischen Infrastruktur. Die räumliche Nähe zu möglichen Ankerkunden ist für das Start-up-Ökosystem noch nicht ausgeschöpft.

Weniger Einzelmaßnahmen – mehr Wirkung

Deutschland braucht heute keine immer längere Liste neuer Förderprogramme. Viel wichtiger ist, dass bestehende Maßnahmen besser ineinandergreifen. Auf Länder-, Bundes- und supranationaler Ebene.

Kapital, Talente, Wissenschaft, Verwaltung, öffentliche Beschaffung und europäische Märkte dürfen nicht länger nebeneinanderstehen. Sie müssen Teil einer gemeinsamen Wachstumsstrategie werden.

Zentral für den Erfolg und die sektorübergreifende Akzeptanz einer Start-up-Strategie ist die Messbarkeit ihrer Maßnahmen. Der Erfolg einer Start-up-Strategie sollte künftig deshalb nicht daran gemessen werden, wie viele Programme beschlossen wurden. Entscheidend ist eine andere Frage:

Entstehen in Deutschland mehr Unternehmen, die international wachsen, Innovationen erfolgreich in den Markt bringen und langfristig Wertschöpfung, gute Arbeitsplätze und technologische Souveränität schaffen?

Genau daran wird sich die nächste Phase deutscher Start-up-Politik messen lassen müssen. Denn am Ende geht es nicht nur um junge Unternehmen. Es geht um die Zukunft des Wirtschaftsstandorts Deutschland.