Europa diskutiert seit Jahren über seine Innovationsfähigkeit. Während in den USA und China große Technologieunternehmen entstehen, gelten europäische Start-ups oft als vielversprechend – aber zu selten als global skalierungsfähig.
Ein genauerer Blick lohnt sich aber: Die europäische Gründungslandschaft ist dynamischer, als viele Debatten vermuten lassen. Einige regionale Ökosysteme bringen sehr wohl erfolgreiche neue Unternehmen hervor.
Mehr Dynamik als vielfach erwartet
Aktuelle Analysen zur Gründungslandschaft in drei der wichtigsten Volkswirtschaften in Europa zeigen, wo Gründungen mit Potential entstehen und was aus ihnen wird. Hierzu wurden Unternehmensanmeldungen in Deutschland, Frankreich und Großbritannien seit 2009 analysiert.
Ziel dabei ist es, die potenzielle Skalierungslücke zu messen. Dabei wird zwischen der Zahl an erwarteten Wachstumsunternehmen und deren tatsächlicher Realisierung unterschieden. Das Vorgehen orientiert sich an einer in den USA entwickelte Methode und überträgt sie erstmals auf Europa.
Der Kerngedanke: Nicht jede Neugründung hat dasselbe Potenzial. Anhand von Merkmalen, die bereits kurz nach der Gründung erkennbar sind – etwa Rechtsform, Namensgebung des Unternehmens sowie früh angemeldete Patente und Marken –, lässt sich die Wahrscheinlichkeit abschätzen, dass ein Unternehmen später stark wächst, also zum Beispiel durch signifikante Wagniskapitalgewinnung oder einen Börsengang zum sogenannten Scale-up wird.
Letztendlich ist bei der Untersuchung besonders interessant, wie viele Unternehmen tatsächlich Wachstumsmarker erreichen, verglichen mit der Zahl der Unternehmen, die aufgrund ihrer Ausgangsmerkmale zu erwarten gewesen wäre. Liegt dieser Wert über eins, übertrifft ein regionales Ökosystem die Erwartungen; liegt er darunter, bleibt Wachstumspotenzial ungenutzt.
Ungenutztes Potenzial in allen drei Ländern
Im Hinblick auf das Potential unterscheiden sich die Entwicklungen in den drei Ländern deutlich.
- Frankreich verzeichnet über den Untersuchungszeitraum einen kontinuierlichen Anstieg des Potenzials an wachstumsstarken Gründungen. Dies ist kein Zufall, sondern auch Ergebnis einer Reihe gezielter Programme und Reformen.
- Deutschland startete zwar von einem höheren Niveau, verzeichnet aber über die Zeit einen kontinuierlichen Rückgang des qualitätsgewichteten Gründungspotenzials.
- Das Vereinigte Königreich wiederum erlebte einen Anstieg bis 2017 und danach einen stetigen Rückgang.
Der zentrale Befund in Bezug auf die Skalierungslücke ist ernüchternd und aufschlussreich zugleich: In allen drei Ländern klafft eine Lücke zwischen dem vorhandenen Wachstumspotenzial und dem, was daraus tatsächlich wird.
Viele junge Unternehmen bringen die Voraussetzungen mit, um zu skalieren – doch die Zahl derer, die diesen Sprung schaffen, bleibt hinter den Erwartungen zurück. Und diese Lücke hat sich in den letzten Jahren tendenziell vergrößert, was darauf hindeutet, dass Wachstumsbarrieren an Bedeutung gewonnen haben.
Bemerkenswert ist, dass Deutschland bei der Potentialausnutzung relativ stabil abschneidet und zeitweise sogar über den Erwartungen lag. Frankreich und das Vereinigte Königreich hingegen übertrafen ihr Potenzial zunächst, fielen dann aber spürbar zurück.
Das Vereinigte Königreich bleibt dabei für Deutschland und Frankreich ein wichtiger Referenzpunkt. London hat sich über Jahre als europäisches Zentrum für Risikokapital, Talente und digitale Geschäftsmodelle etabliert. Gleichzeitig zeigt die Analyse, dass diese Führungsrolle nicht selbstverständlich ist. Politische Unsicherheit, veränderte Kapitalflüsse und die Folgen des Brexits können die Skalierungsbedingungen belasten.
Starke regionale Unterschiede im Potential
Besonders spannend ist der Vergleich der regionalen Verteilung des Potentials innerhalb der drei Länder. In Deutschland ist der Zusammenhang zwischen der Anzahl an Gründungen und deren Qualität positiv, während das Start-up Cartography Project für die USA zeigt, dass viele Gründungen in einer Region nicht automatisch viele wachstumsstarke Firmen bedeuten.
Für die Politik in Deutschland ist das eine ermutigende Nachricht, denn es bedeutet, dass Maßnahmen zur Erleichterung von Gründungen zugleich die Wachstumschancen verbessern können.
Zugleich ist das Potential aber bisher regional stark ungleich verteilt. In Frankreich konzentriert sich die Aktivität auf Metropolen wie Paris, Lyon und Marseille. Im Vereinigten Königreich führt London bei der Zahl der Gründungen, während Cambridge und Oxford durch außergewöhnlich hohe Qualität hervorstechen.
Deutschland zeigt das dezentralste Muster: München ragt mit sowohl hoher Anzahl und hoher Qualität heraus, doch auch forschungsstarke Standorte wie Bonn und Heidelberg erzielen überdurchschnittliche Qualitätswerte. Hamburg, Frankfurt und Düsseldorf bringen zwar viele Gründungen hervor, bewegen sich bei der Qualität aber im Mittelfeld.
Über alle drei Länder hinweg wird deutlich, welche wichtige Rolle Universitäten und Forschungseinrichtungen als Ankerpunkte in Gründungsökosystemen für die Entstehung von besonders aussichtsreichem Unternehmertum spielen.
Was die Politik daraus lernen kann
Der zentrale Beitrag der Studie liegt darin, den Unterschied zwischen Start-ups und Scale-ups deutlich zu machen. Viele politische Programme setzen bei der Gründung an: Inkubatoren, Gründungszuschüsse, und Hochschultransfer. Das ist wichtig.
Doch die entscheidende volkswirtschaftliche Wirkung entsteht häufig erst in der Skalierungsphase – wenn junge Unternehmen Beschäftigung aufbauen, neue Märkte erschließen und Produktivitätsimpulse setzen.
Genau hier liegt Europas strukturelles Problem. Europa bringt durchaus innovative Unternehmen hervor, aber zu wenige wachsen zu global relevanten Akteuren heran. Gründe sind fragmentierte Kapitalmärkte, kleinere Finanzierungsrunden, regulatorische Unterschiede zwischen Mitgliedstaaten und ein im Vergleich zu den USA weniger tiefer Markt für Spätphasenfinanzierung.
Wachstumshürden abbauen
Die Studie legt nahe, dass Europa seine Wettbewerbsfähigkeit über den Abbau von Wachstumshürden stärken sollte. Die EU-Strategie für Start-ups und Scale-ups bietet Ansatzpunkte für Verbesserungen.
Diskutiert werden etwa ein einheitliches, vereinfachtes Regelwerk für Unternehmensgründung, Besteuerung und Insolvenzverfahren, ein besserer Zugang zu Finanzierung gerade in späteren Wachstumsphasen sowie ein leichterer Zugang zu öffentlichen Aufträgen. Ebenso wichtig sind die Gewinnung und Bindung internationaler Talente durch einfachere Visa-Verfahren und größere Investitionen in (Aus-)Bildung.
Tiefere Kapitalmärkte
Europa braucht vor allem auch tiefere Kapitalmärkte. Die Kapitalmarktunion ist kein technisches Spezialthema, sondern ein Kernprojekt für Europas Wettbewerbsfähigkeit. Solange Kapitalmärkte national fragmentiert bleiben, können europäische Start-ups ihr Potenzial nicht voll ausschöpfen.
Institutionelle Investoren, Pensionsfonds und Versicherungen sollten stärker in Wachstumsfinanzierung eingebunden werden – mit klaren Regeln, aber auch mit mehr Risikobereitschaft.
Für Deutschland ist diese Diagnose besonders relevant. Viele junge Unternehmen finden in frühen Phasen Unterstützung, haben aber Schwierigkeiten, größere Wachstumsfinanzierungen im europäischen Umfeld einzuwerben.
Wer international skalieren will, orientiert sich deshalb häufig an US-Investoren oder ausländischen Kapitalmärkten. Das kann Wachstum ermöglichen, birgt aber auch die Gefahr, dass Wertschöpfung, Eigentum und strategische Entscheidungen langfristig abwandern.
Förderungen bündeln
Deutschland sollte auch von Frankreich lernen. Die Entwicklung Frankreich zeigt, dass strategische Start-up-Politik Wirkung entfalten kann, wenn sie langfristig angelegt, sichtbar kommuniziert und institutionell gut ausgestattet ist.
Deutschland verfügt über viele Programme, aber oft fehlt es an Bündelung, Tempo und internationaler Sichtbarkeit. Eine kohärente Scale-up-Strategie könnte helfen, vorhandene Stärken aus Forschung, Industrie und Mittelstand besser mit jungen Wachstumsunternehmen zu verbinden. Aber auch in Frankreich sehen wir noch eine Skalierungslücke, weil EU-weite Hemmnisse die Hebung des Potentials behindern.
Den Blick auf Europa weiten
Ein europäischer Blick ist daher entscheidend. Die Debatte über Start-ups wird häufig national geführt. Doch junge Wachstumsunternehmen denken von Beginn an international. Für sie ist entscheidend, ob sie Talente aus ganz Europa gewinnen, Kapital über Grenzen hinweg mobilisieren und schnell in andere Märkte expandieren können.
Europas Binnenmarkt ist dafür eigentlich ein großer Vorteil – wird aber durch unterschiedliche Regeln, Verwaltungsverfahren und Finanzierungsstrukturen noch zu wenig genutzt. Nur wenn es gelingt Hürden konsequent abzubauen, industrielle Stärke, wissenschaftliche Exzellenz und Start-up-Dynamik besser zu verbinden, können auch Gründungen aus Europa eine zentrale Rolle im weltweiten Innovationswettbewerb spielen.
Netzwerke und ein Netz aus Maßnahmen
Die vielleicht wichtigste Botschaft: Start-ups wachsen nicht im luftleeren Raum. Sie sind auf funktionierende Netzwerke aus Hochschulen, Investoren, etablierten Unternehmen und Unterstützungsstrukturen angewiesen.
Einzelmaßnahmen greifen zu kurz – erst wenn die verschiedenen politischen Instrumente zusammen gedacht und umgesetzt werden, lässt sich die Lücke zwischen Potenzial und Realisierung schließen. Für Europa, das um seine wirtschaftliche Zukunft ringt, ist das eine klare Handlungsaufforderung.
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