Der jüngste Öl- und Gaspreisschock hat die Debatte um hohe Energiepreise wieder ganz nach oben auf die Tagesordnung befördert. In der energieintensiven Industrie ist das Thema schon seit langem Dauerbrenner.
Zusätzlich zu zahlreichen bestehenden Entlastungen soll deshalb bald der Industriestrompreis für niedrigere Kosten sorgen – schon rückwirkend ab Januar. Das reduziert den Druck auf stromintensive Unternehmen, birgt aber erhebliche Risiken für Energieeffizienz und Wettbewerb.
Strompreise in der Industrie: Eine Geschichte von zwei Welten
Industriebetriebe in Deutschland zahlen bereits heute deutlich verschiedene Strompreise.
- 2024 zahlten Kleinverbraucher – also etwa kleinere Fertigungsbetriebe oder Werkstätten – im Schnitt 272 Euro pro Megawattstunde.
- Großverbraucher wie Aluminium- oder Elektrostahlwerke mussten dagegen durchschnittlich nur 155 Euro für eine Megawattstunde bezahlen.
Ein Unterschied von mehr als 100 Euro, der zu großen Teilen auf geringere Steuern und Abgaben zurückgeht. Tatsächlich werden Großverbraucher durch eine Vielzahl von Sonderregelungen begünstigt: reduzierte Netzentgelte, Befreiung von der EEG-Umlage, Strompreiskompensation.
Diese Kluft ist kein neues Phänomen. Schon 2013 zahlte ein Kleinverbraucher fast doppelt so viel wie ein Großverbraucher, und die Ungleichheit ist durch anwachsende Entlastungsprogramme seitdem eher größer als kleiner geworden.
2021 etwa profitierten rund 4.000 Industrieunternehmen – etwa zwei Prozent der Firmen im verarbeitenden Gewerbe – von Entlastungsmaßnahmen beim Strompreis. In den besonders energieintensiven Industrien wie der Metallerzeugung, der Chemie- und der Mineralölbranche liegt der Anteil bei etwa zehn Prozent, wobei die größten Verbraucher oft von mehreren Entlastungsmaßnahmen gleichzeitig profitieren.
Der Industriestrompreis zementiert Ungleichheiten bei den Strompreisen
Gleichzeitig sind die Strompreise über alle Verbrauchsgruppen hinweg stark gestiegen: Durch höhere Netzentgelte und, insbesondere seit dem Ukrainekrieg, höhere Beschaffungskosten liegen sie heute rund 60 Prozent über dem Niveau von 2013.
Als Reaktion darauf hat die Bundesregierung Ende 2025 die Einführung eines subventionierten Industriestrompreises beschlossen. Rückwirkend ab 2026 sollen Unternehmen in energieintensiven, international exponierten Branchen bis zu 50 Prozent ihres Verbrauchs zu einem gedeckelten Preis von mindestens 50 Euro pro Megawattstunde beziehen. Im Gegenzug müssen sie die Hälfte der Entlastungssumme in Energiesparmaßnahmen investieren.
Gegenüber dem aktuellen Preis von rund 150 Euro pro Megawattstunde für Großverbraucher ist das eine massive Entlastung. Das Problem: Der Industriestrompreis verschärft bestehende Ungleichheiten weiter. Denn auch er wird in der Praxis vor allem etablierten Großverbrauchern zugutekommen.
Die konkreten Details zu Entlastungskriterien stehen zwar noch aus. Aber mit aller Wahrscheinlichkeit wird der Industriestrompreis entweder erst ab einer gewissen Verbrauchsschwelle greifen oder der Aufwand für Antragstellung und Dokumentation wird für kleinere Betriebe prohibitiv hoch sein.
Selektive Entlastungen gefährden Energieeffizienz und Wettbewerb
Solche Entlastungen erhöhen zwar kurzfristig die Wettbewerbsfähigkeit deutscher Firmen auf den Weltmärkten. Sie bergen aber zwei entscheidende Risiken: Zum einen reduzieren Preisentlastungen den Anreiz für Firmen, längerfristig energieeffizienter zu werden.
Die Befreiung von der EEG-Umlage etwa führte nachweislich dazu, dass befreite Unternehmen ihre Stromintensität im Vergleich zu nicht befreiten Unternehmen sogar erhöhten.
Zum anderen begünstigen die Entlastungen in der Regel jene Unternehmen, die ohnehin schon besonders niedrige Strompreise zahlen und besonders energieintensiv sind. Das hat gesamtwirtschaftliche Konsequenzen: Denn nicht begünstigte Konkurrenten müssen höhere Preise schultern. Sie investieren in Effizienz, geben Kosten an Kunden weiter oder scheiden im schlimmsten Fall aus dem Markt aus.
Die energieeffizienteren, aber weniger subventionierten Klein- und Mittelgroßverbraucher schrumpfen oder verschwinden, während weniger energieeffiziente Großverbraucher dank günstiger Konditionen wachsen und Marktanteile gewinnen. Das Ergebnis: Ganze Industrien werden im Aggregat stromintensiver – obwohl die Preise steigen.
Genau dieser Mechanismus lässt sich in den deutschen Unternehmensdaten zwischen 2003 und 2017 beobachten. In einem Zeitraum, in dem Energiepreise im Schnitt stark gestiegen sind, während Großverbraucher durch Entlastungen weitgehend verschont blieben, verließen Hersteller mit höheren Energiepreisen überdurchschnittlich häufig den Markt. Unternehmen mit günstigerem Strom drangen dagegen in neue Produktmärkte vor – und produzierten dort im Schnitt energieintensiver als die bisherigen Anbieter.
Anreize für Innovation statt nur Substanzerhalt
Die langfristigen Folgen dieser Dynamik geben Anlass zur Beunruhigung. Eine Industriepolitik, die etablierte Großverbraucher von Marktdruck abschirmt, hemmt den Aufstieg neuer, innovativer Unternehmen.
Start-ups oder wachsende Unternehmen haben dadurch einen strukturellen Nachteil. Die Zahl junger Firmen, die in energieintensiven Industrien den Sprung zur Marktreife schaffen, sinkt. Und der Druck auf die Etablierten, sich weiterzuentwickeln und zu modernisieren, lässt nach.
Für einen Industriestandort wie Deutschland kann das auf längere Sicht hochproblematisch werden. Deutschland kann strukturell nicht mit billigem Strom punkten – weder heute noch auf absehbare Zeit.
Die Stärken der deutschen Industrie liegt vielmehr darin, hochwertige, innovative Produkte zu entwickeln und zu fertigen. Genau diese Stärke gefährdet eine Politik, die Schutz vor Wettbewerb über Anreize zur Innovation stellt.
Eine Antwort in der Breite ist erforderlich
Die Antwort auf hohe Energiepreise sollte deshalb nicht primär darin bestehen, einzelne Unternehmen oder Gruppen zu subventionieren. Wirksamere Maßnahmen setzen an verbesserten Grundbedingungen an, von denen alle profitieren:
Strukturreform des Strommarkts: Der bestehende Marktrahmen ist auf eine andere Zeit ausgelegt. Er muss an die Realität einer Energieversorgung mit hohem erneuerbaren Anteil und zunehmend dezentraler Erzeugung angepasst werden. Das würde Netzentgelte und Systemkosten in der Breite senken – nicht nur für Privilegierte.
Infrastruktur und Digitalisierung: Investitionen in Verkehrsnetze, digitale Infrastruktur und Verwaltungsdigitalisierung verbessern die Standortbedingungen breit und ohne Wettbewerbsverzerrungen. Das sind „no regret“-Maßnahmen, die unabhängig von der weiteren Energiepreisentwicklung sinnvoll sind.
Der Industriestrompreis ist ein kurzfristiger Lösungsversuch für ein tieferliegendes Problem. Er kann energieintensive Firmen temporär entlasten. Aber er tut das zu hohen Kosten und er behandelt das Symptom, nicht die Ursache. Wer den Industriestandort Deutschland wirklich stärken will, muss faire Wettbewerbsbedingungen für alle bereitstellen, nicht selektive Entlastungen für etablierte Großverbraucher.
Weitere Beiträge zum Thema auf unserem Blog:
Warum wir im Kampf gegen den Klimawandel nicht genug investieren von Dr. Florian Egli, TU München
Industriestrompreise in Deutschland: Reformoptionen für wettbewerbsfähige Strompreise von Dr. Thieß Petersen, Bertelsmann Stiftung und Sven Hellbusch, IMW
Industriestrompreis oder neue Technologie? Ein Beispiel aus der Batterieproduktion von Dr.-Ing. Florian Degen, Fraunhofer FFB
Kommentar schreiben