Unsere aktuelle Studie zeigt: Die Innovationsdynamik der deutschen Unternehmenslandschaft schwächt sich weiter ab. Die Zahl der Firmen mit innovativen Spitzenleistungen schrumpft und die Zahl innovationsschwacher Unternehmen wächst. Um Wettbewerbsfähigkeit, technologische Souveränität und Zukunftsfähigkeit zu sichern, braucht es eine klare Neuausrichtung der Innovationspolitik und eine konsequente Umsetzung strategischer Prioritäten in den Unternehmen – vor allem bei Zukunftstechnologien.

Die Ergebnisse unserer neuen Studie „Innovative Milieus 2026“ sprechen eine klare Sprache: Die Innovationsdynamik in der deutschen Unternehmenslandschaft schwächt sich strukturell ab. Nur noch 13 Prozent der Unternehmen zählen 2026 zur innovationsstarken Spitze der Technologieführer und Forschungsorientierten Innovatoren. 2019 war es noch rund ein Viertel. Gleichzeitig wächst der Anteil innovationsschwacher Unternehmen deutlich. Innovation verliert in der Breite an strategischer Verankerung – in einer Phase, in der technologischer Wettbewerb und geopolitische Spannungen zunehmen.

Auch an der Spitze selbst zeigt sich eine Verschiebung. Industrielle Kernbranchen verlieren an relativer Innovationskraft, während wissensintensive Dienstleistungen und die IT-Wirtschaft stärker in die Führungsrolle rücken. Zugleich werden grundlegende Neuausrichtungen seltener – Unternehmen setzen häufiger auf schrittweise Produkt- und Prozessverbesserungen.

Digitale Breite – begrenzte technologische Tiefe

Bei den Schlüsseltechnologien ergibt sich ein differenziertes Bild. Künstliche Intelligenz ist in vielen Unternehmen angekommen: Rund 70 Prozent nutzen KI in begrenztem oder intensivem Umfang. Fragt man nach der erwarteten Bedeutung in den kommenden Jahren, geben sogar 78 Prozent der Unternehmen an, dass sie davon ausgehen, dass digitale Technologien zukünftig strategische Bedeutung für sie haben werden.

Anders sieht es bei komplexen Deep-Tech- und anspruchsvollen Green-Tech-Anwendungen aus. Technologien wie CO₂-Abscheidung oder andere forschungsintensive Hochtechnologien werden nur von wenigen Unternehmen intensiv genutzt. Auch bei Kreislaufwirtschaft und nachhaltigen Materialien sind Fortschritte sichtbar – doch eine breite Anwendung bleibt bislang aus. Digitale Technologien verbreiten sich vergleichsweise schnell; anspruchsvolle Hochtechnologien bleiben selektiv.

Kein kurzfristiger Effekt

Nach der zweiten Erhebungswelle 2023 lag die Vermutung nahe, dass viele Rückgänge pandemiebedingt waren. Investitionen wurden verschoben, Strategien neu priorisiert. Die Hoffnung war, dass sich mit zeitlichem Abstand ein Teil dieser Entwicklung relativieren würde.

Die dritte Befragung zeigt jedoch: Bei den Befunden von 2023 handelte es sich nicht um die Effekte eines vorübergehenden „Corona-Lochs“. Alles deutet jetzt auf eine strukturelle Veränderung hin, die sich schon seit Jahren in der deutschen Unternehmenslandschaft schleichend vollzieht: Die innovative Basis wird immer kleiner.

Ein Instrument für strukturelle Unterschiede

Das Konzept der „Innovativen Milieus“ ist aus dem Anspruch entstanden, Innovation nicht nur im Durchschnitt zu betrachten. Inspiriert vom Milieuansatz der Sozialforschung wollten wir Unternehmen danach unterscheiden, wie sie Innovation verstehen, strategisch verankern und tatsächlich umsetzen. Gemeinsam mit der IW Consult haben wir dieses Instrument entwickelt und nun zum dritten Mal angewendet.

Für die aktuelle Erhebung haben mehr als 1.100 Unternehmen aus dem IW-Zukunftspanel im Sommer 2025 an einer repräsentativen Befragung teilgenommen. Auf Grundlage von über 30 Fragen wurden Innovationsaktivitäten, strategische Ausrichtung, technologische Orientierung und Innovationserfolg systematisch erfasst. Der Vergleich über drei Erhebungswellen hinweg ermöglicht es, strukturelle Entwicklungen sichtbar zu machen – nicht nur Momentaufnahmen.

Gerade dieser Zeitvergleich macht deutlich, dass sich nicht nur einzelne Kennzahlen verändern, sondern die Innovationslandschaft insgesamt verschiebt.

Was das für den Standort bedeutet

Deutschland steht vor großen wirtschaftlichen und technologischen Herausforderungen. Wettbewerbsfähigkeit, technologische Souveränität und die Nachhaltigkeitstransformation hängen maßgeblich davon ab, wie konsequent Unternehmen Innovation betreiben.

Wenn die Innovationsbasis schrumpft und Hochtechnologien nur von wenigen getragen werden, wächst das Risiko, im internationalen Wettbewerb weiter zurückzufallen. Gleichzeitig zeigen unsere Daten: Innovationsstärke ist gestaltbar. Unternehmen mit klaren Strategien, systematischem Kompetenzaufbau und gezielter Kooperation erzielen messbare Fortschritte – unabhängig von ihrer Größe.

Jetzt kommt es auf Prioritäten an

Mit der Hightech-Agenda Deutschland hat die Bundesregierung einen Rahmen geschaffen, um Schlüsseltechnologien gezielt zu stärken. Entscheidend ist nun die Umsetzung. Es braucht klar priorisierte missionsorientierte Ziele, eine stärkere Bündelung öffentlicher Mittel auf zentrale Zukunftstechnologien und Instrumente, die Hochtechnologien schneller in die Anwendung bringen.

Und auch die Unternehmen selbst stehen in der Verantwortung. Technologische Entwicklungen müssen früher aufgegriffen, Innovationsprojekte strategisch gebündelt und Kooperationen ausgebaut werden. In einer Phase beschleunigter technologischer Entwicklung reicht inkrementelle Optimierung allein nicht aus.

Zwischen Handlungsdruck und Gestaltungsspielraum

Die aktuellen Ergebnisse sind kein Anlass für Resignation – aber sie sind ein deutliches Warnsignal. Innovation entsteht nicht automatisch, sie ist das Ergebnis klarer Entscheidungen und strategischer Prioritäten.

Wenn Deutschland bei Schlüsseltechnologien eine führende Rolle übernehmen will, müssen Politik und Unternehmen jetzt entschlossen handeln. Die kommenden Jahre werden darüber entscheiden, ob sich die aktuelle Entwicklung verfestigt – oder ob eine neue Phase technologischer Dynamik eingeleitet wird.