Der deutsche Wachstumsmotor stottert seit einigen Jahren spürbar. Seit mehr als fünf Jahren wachsen weder Inlandsnachfrage noch Exporte in nennenswertem Ausmaß. Besonders betroffen sind zentrale Leitsektoren des verarbeitenden Gewerbes. Vieles deutet darauf hin, dass ein Gutteil dieser Wachstumsschwäche strukturelle Ursachen hat. So ist das Produktivitätswachstum in Deutschland bereits seit Mitte der 2010er-Jahre auffallend schwach. Dazu tragen unter anderem eine nachlassende Innovationsdynamik sowie Rückstände Deutschlands bei zentralen Schlüssel- und Zukunftstechnologien bei.

Parallel dazu befindet sich die internationale Ordnung in einem grundlegenden Umbruch. In einem solchen Interregnum werden Technologien zunehmend zu geopolitischen Machtressourcen. Infrastrukturen, Technologiepartnerschaften und der Zugang zu kritischen Rohstoffen geraten stärker unter strategische Kontrolle von Staaten und werden damit Teil geopolitischer Wettbewerbsdynamiken. Damit steht zunehmend die Frage im Raum, ob und wie Deutschland künftig über zentrale Technologien, die für Wachstumsmodell und Sicherheit entscheidend sind, verfügen und sie eigenständig anwenden und weiterentwickeln kann, ohne dass daraus einseitige strukturelle Abhängigkeiten entstehen.

Höchste Zeit für die HTAD

Diesen Schuss dürfte die neue Bundesregierung gehört haben. Etwas mehr als zwei Monate nach ihrer Vereidigung hat sie die sogenannte Hightech Agenda Deutschland (HTAD) vorgestellt. Das Strategiedokument bündelt zentrale Leitlinien der deutschen Forschungs-, Technologie- und Innovationspolitik und setzt einen klaren Fokus auf sechs Schlüsseltechnologien. Neben Künstlicher Intelligenz und Quantentechnologien zählen dazu Biotechnologie und Mikroelektronik. Außerdem stehen Technologien für klimaneutrale Mobilität und Energie im Zentrum der Agenda. Von der Umsetzung der HTAD, für die bis 2029 ein finanzieller Gesamtrahmen von 18 Milliarden Euro vorgesehen ist, erhofft sich die Bundesregierung einen spürbaren Produktivitätsschub sowie eine Stärkung der technologischen Souveränität.

Der Fokus der HTAD auf Schlüsseltechnologien kommt dabei nicht von ungefähr. Ihre Verfügbarkeit und Beherrschung am Wirtschaftsstandort Deutschland sind entscheidend, um den heimischen Produktivitätsmotor am Laufen zu halten. Sie sind breit anwendbar, wirken als Katalysatoren für Innovationen und sind häufig schwer zu substituieren. Ein bekanntes Beispiel sind Steuerungschips. Gelingt es, bei der Anwendung und Weiterentwicklung solcher Technologien eine führende Rolle einzunehmen, stärkt dies die Wettbewerbsfähigkeit heimischer Unternehmen und ermöglicht es den Akteuren im Innovationsökosystem, Transformationsprozesse aktiv mitzugestalten – im Inland ebenso wie international.

Gleichzeitig sind Schlüsseltechnologien auch gesellschaftlich relevant. Sie können zur Bewältigung großer Herausforderungen – etwa der Klimakrise – beitragen und Staaten dabei helfen, ihr Wirtschafts- und Gesellschaftsmodell selbstbestimmt weiterzuentwickeln. Historische Erfahrungen zeigen, dass einseitige Abhängigkeiten in zentralen Technologiefeldern erheblichen Einfluss darauf haben können, wovon – und im Extremfall auch wie – eine Gesellschaft lebt.

Strategischer Technologiefokus schafft Orientierung und neue Wachstumsimpulse

Welche Technologien letztlich als Schlüsseltechnologien gelten, ist auch das Ergebnis politischer Prioritätensetzung. Die im Rahmen der HTAD getroffene Auswahl und die damit verbundene stärkere Konzentration der Förderung auf wenige Felder wurden von großen Teilen der Fachwelt begrüßt – nicht zuletzt, weil sie eine bessere Bündelung öffentlicher Mittel und eine klarere strategische Orientierung für Wissenschaft und Wirtschaft ermöglichen. Gleichzeitig kann eine solche Fokussierung dazu beitragen, das zunehmend unter Druck geratene Wachstumsmodell weiterzuentwickeln und strukturelle Lücken zu schließen.

Ein Beispiel dafür ist die Biotechnologie. Deutschland erfüllt auf dem Papier viele Voraussetzungen, um in diesem Bereich – einem der weltweit dynamischsten Wachstumsmärkte – eine führende Rolle einzunehmen. Dazu zählen exzellente Grundlagenforschung, eine starke Chemie- und Pharmaindustrie, internationale MINT-Talente sowie etablierte Biotech-Cluster (z. B. Berlin, München oder Heidelberg). Dennoch bleibt der Output des heimischen Biotech-Sektors bislang deutlich hinter seinem Potenzial zurück – etwa aufgrund fragmentierter Innovationsökosysteme, begrenzter Skalierungsfinanzierung und eines vergleichsweise schwachen Technologietransfers. Die Hightech-Agenda bietet daher eine einmalige Chance, den Biotechnologie-Standort gezielt zu stärken und die Strukturen zu schaffen, die für technologische Souveränität, medizinischen Fortschritt und wirtschaftliches Wachstum entscheidend sind.

Doch die Festlegung strategischer Technologiefelder ist nur der erste Schritt – ebenso wichtig ist, mit welchen Instrumenten ihre Entwicklung gesteuert und koordiniert wird.

Roadmapping & Monitoring: Unter Unsicherheit navigieren

Aus diesem Grund sieht die Hightech-Agenda vor, die Ausgestaltung der Fördermaßnahmen sowie ihre Koordination und zeitliche Abstimmung zwischen Ressorts, politischen Ebenen und zentralen Stakeholdern über technologiespezifische Roadmapping-Prozesse zu organisieren – ergänzt durch ein ganzheitliches Monitoring.

Roadmapping ist ein strategisches Instrument, das Zukunftsorientierung mit konkreter Planung verbindet. Es verknüpft technologische Entwicklungen, Märkte und Akteure über die Zeit hinweg und macht so Entwicklungspfade sichtbar. Dadurch erhalten Politik, Wirtschaft und Wissenschaft Orientierung, um technologische Fähigkeiten gezielt aufzubauen und ihre Aktivitäten besser aufeinander abzustimmen.

Für politische Entscheidungsträger:innen dient Roadmapping jedoch nicht nur der strategischen Planung, sondern auch der Abstimmung und Kommunikation gemeinsamer Ziele zwischen den zentralen Akteuren des Innovationsökosystems. So können technologische Stärken gezielt ausgebaut, Forschung und Innovation besser koordiniert und öffentliche wie private Investitionen entlang klarer Prioritäten gebündelt werden. Vor diesem Hintergrund entwickelt die Bundesregierung derzeit unter Beteiligung zentraler Stakeholder sogenannte Technologie-Roadmaps für die Schlüsseltechnologien der Hightech-Agenda.

Ziele und Instrumente allein bringen den Technologiestandort Deutschland jedoch noch nicht voran. Entscheidend ist, wie Roadmapping konkret ausgestaltet und miteinander verzahnt werden. Wie kann aus Strategie Wirklichkeit werden? Genau dieser Frage sind die Bertelsmann Stiftung und das Fraunhofer ISI in ihrer jüngsten gemeinsamen Analyse nachgegangen.

Wie aus Strategie Wirklichkeit wird

Internationale Beispiele und die Forschung zum Roadmapping zeigen, dass erfolgreiche Technologie-Roadmaps bestimmten Gestaltungsprinzipien folgen. Am Anfang steht eine langfristige Vision, die die Perspektiven und Erwartungen der unterschiedlichen Akteure im Forschungs- und Innovationssystem zusammenführt. Eine solche gemeinsame Orientierung ist wichtig, weil sie zentrale Akteure früh einbindet, zur Mitwirkung motiviert und die Akzeptanz für die HTAD stärkt.

Darauf aufbauend sollten Maßnahmenpakete definiert werden, deren Schwerpunkte je nach Technologie variieren. Befindet sich eine Technologie noch in einem frühen Entwicklungsstadium, sollte etwa die Förderung von Forschung und Entwicklung im Mittelpunkt stehen. Bei bereits reiferen Technologien geht es hingegen stärker darum, ihre Anwendung und Verbreitung zu beschleunigen.

Ebenso zentral sind klar definierte Meilensteine und regelmäßige Rückkopplungsschleifen. Sie bilden die verschiedenen Entwicklungsphasen ab – von der Forschung über Transfer und Anwendung bis hin zur Skalierung – und ermöglichen es, Fortschritte systematisch zu überprüfen und bei Bedarf nachzusteuern. Damit diese Orientierung auch praktisch wirksam wird, müssen die einzelnen Schritte zudem mit realistischen Zeitplänen, Budgetrahmen und geeigneten Förderinstrumenten verknüpft werden.

Gleichzeitig dürfen die einzelnen Roadmaps nicht isoliert gedacht werden. Wechselwirkungen und Synergien zwischen den sechs Schlüsseltechnologien der HTAD müssen berücksichtigt und Maßnahmen zeitlich aufeinander abgestimmt werden. Das ist besonders wichtig, weil zwischen einigen Technologien erhebliche thematische Überschneidungen bestehen – etwa zwischen Künstlicher Intelligenz und Mikroelektronik.

Auch im politischen Mehrebenensystem darf das Roadmapping nicht isoliert erfolgen. Vielmehr braucht es eine enge Verzahnung nicht nur mit anderen Bundesressorts, sondern auch mit EU-Initiativen, internationalen Partnern sowie den Ländern.

Interministerielle Kooperation als Voraussetzung für den Erfolg der HTAD

Auch jenseits des Roadmappings ist eine enge interministerielle Koordination für den Erfolg der HTAD entscheidend. Das gilt nicht nur, weil Zuständigkeiten für Innovations- und Technologiepolitik auf mehrere Ressorts verteilt sind, sondern auch, weil die Hightech Agenda weit über das Feld der FTI-Politik hinausstrahlt.

Allerdings enthält die HTAD bislang weder eine klare politische Festlegung auf eine stärkere interministerielle Zusammenarbeit noch konkrete Angaben dazu, wie diese organisiert werden soll. Bleibt hier ein Durchbruch aus, dürfte der große technologische Sprung nach vorne – in Form gestärkter technologischer Souveränität und einer schlagkräftigen Industrie in Zeiten des Umbruchs – ein Wunschtraum bleiben.

Eine produktive Auseinandersetzung mit der Vergangenheit und der Wille, künftig anders zu handeln, könnten helfen, Wunsch und Wirklichkeit näher zusammenzubringen. Schließlich hat man hierzulande etwa im Kontext der „Zukunftsstrategie“ der vorherigen Bundesregierung bereits erste Erfahrungen mit interministeriellen Kooperationsstrukturen gesammelt. Auch mangelt es nicht an Vorschlägen, wie z.B. missionsorientierte Ansätze die gezielte Förderung technologischer Souveränität und Wettbewerbsfähigkeit unterstützen können. Auch die Expertenkommission Forschung und Innovation (EFI) empfiehlt, bei der Umsetzung und Weiterentwicklung der Hightech Agenda stärker auf solche Ansätze zu setzen und betont die Bedeutung funktionierender interministerieller Kooperationsstrukturen.

Erst wenn die Hightech Agenda Deutschland zur gemeinsamen Strategie der gesamten Bundesregierung wird und alle Ressorts an ihrer Umsetzung mitwirken, kann der Anspruch auf technologischen Aufbruch auch Realität werden.